Kultur : KURZ & KRITISCH

H.P. Daniels

ROCK

Erfolgreicher

Arbeitstag

„We are Moderhead and we play Rock ’n’ Roooll!“, krächzt Lemmy Kilmister zu Beginn, und natürlich hat er Recht: Sie sind immer noch Motörhead, und sie spielen immer noch dasselbe Zeug wie vor 30 Jahren. Aufgepulverten Starkstrom- Rock, ein Stück wie das andere, aber doch immer auch ein bisschen anders. Hochgeschwindigkeits-Blues, Boogie, Shuffle, vorangepeitschter Punk in Höllenlautstärke. Das gefällt Lederjackenrockern und Heavy-Metal-Freaks wie Punks, Prolls, Altrock’n’rollern und einer erstaunlichen Menge auffällig unauffälliger Normalbürger. So dichtgedrängt und dichtgeraucht ist die Columbiahalle, dass ein schwerer blaugrauer Smog über den Köpfen wabert und den beliebten Bühnennebel überflüssig macht.

Die Band steht in schwerem Dunst und macht mächtig zusätzlichen Dampf und noch mehr Hitze. Phil Campbell springt fröhlich vor den aufgereihten Marshall- Verstärkern herum und tiriliert auf seiner Explorer-Gitarre, während Mikkey Dee, Pummel-Schwede mit wehendem Blondhaar, in die Trommeln drischt wie das „Tier“ aus der Muppet Show. Und Lemmy drahtelt wild auf seinem Rickenbacker Bass, lässt ihn klingen wie eine riffende Lead-, dann wieder wie eine Rhythmusgitarre. Der fast 62-jährige Rocker mit Backen-Oberlippen-Bart und der dicken Warze im Gesicht zeigt mühelos mit einem gewissen Monty-Python-Humor, wie viel individueller, charmanter und interessanter er ist als all die anstrengenden Schwermetallschreihälse der Vorgruppen. Lemmy macht kein albernes Theater, muss nicht breitbeinig dastehen, zieht nicht das Hemd aus, kreischt nicht hysterisch „Bölinn! Are you alright?“ Lemmy ist kein falscher Fuffziger. Er ist wirklich cool. Und in seiner fast tonlos hechelnden Raspelstimme spürt man immer auch Herz und Seele eines wahren Rock ’n’ Rollers mit deutlicher Leidenschaft für Eddie Cochran und Chuck Berry. Nach anderthalb Stunden ist er geschafft und zufrieden über einen weiteren erfolgreichen Arbeitstag. Die Fans auch. H.P. Daniels

KUNST

Landkarten

im Kopf

Der Titel ist gleich doppelt treffend. Between Places, zwischen Orten, heißt die Ausstellung, die Arbeiten von Stipendiaten der Akademie der Künste vorstellt (Hanseatenweg 10, bis 23. 12., Di–Sa 11–20 Uhr). Verortungsversuche stehen vor allem bei Daniel Belasco Rogers im Vordergrund. Die Wege, die der Brite Jahr für Jahr in Berlin zurücklegt, zeichnet er mit Unterstützung eines GPS-Geräts nach und schafft sich damit ganz persönliche Stadtpläne. So klar das Konzept ist, so schnell erschöpft es sich. Eine Idee, die über das reine Kartografieren hinausginge, es in seiner Zwanghaftigkeit vielleicht auch unterliefe, fehlt.

Der Fotograf Timo Ohler lässt eine eigene Bildsprache gleich ganz vermissen. In seinen verschiedenen Projekten findet sich kein verbindendes Grundinteresse. So verweist der Ausstellungstitel unfreiwillig auch auf die konzeptuelle Ortlosigkeit der meisten Arbeiten. Die Filmemacherin und -kuratorin Sandra Schäfer hat eine spannende Auswahl von Spielfilmen und Dokumentationen aus und über Afghanistan zusammengestellt. Sie als Videoinstallation zu präsentieren, scheint aber willkürlich. Die stärkste Arbeit zielt direkt auf die Sinne. Mayumi Okabayashi hat eine begehbare Serie aus Tuschemalereien geschaffen, deren einfache Formen in endloser Bewegung ineinanderfließen wie Wasser. Das Auge wird immer weiter gelockt, es gibt kein Zentrum. Gerade dieser Schwebezustand erzeugt eine harmonische Wirkung. So schön kann es zwischen den Orten sein. Kolja Reichert

POP

Nachts sind

alle Katzen pink

Skurrile Bühnendekoration: Zwischen dem üblichen Verhau finden sich Blumenbukette, Tierfiguren aus Porzellan und eine pinkfarbene Neonschrift mit dem Namen der Künstlerin. Kate Nash ist zum ersten Mal in Berlin und wirkt ein bisschen verschüchtert. Aber der Empfang im ausverkauften Columbia Club ist so warmherzig, dass das 20-jährige Pop- Darling aus London rasch jede Scheu ablegt. Mit ihren drei Begleitern an Schlagzeug, Bass und E-Gitarre treibt sie den Galopp von „Mariella“ immer rasanter vor sich her, bis sie die Geschichte eines Mädchens, das sich die Lippen mit „Pritt“ zusammengeklebt hat, in atemlosen Stakkato ins Mikrofon faucht.

Kate Nash ist definitiv nicht dieses Mädchen, denn ihre schrägen, federleicht groovenden, von der Band liebevoll hingehuschten Songs sind voll putziger Wortspiele, die sie mit katzenhaft samtiger Stimme darbietet. Für drei ruhigere Stücke greift sie zur Konzertgitarre, aber ihr Lieblingsplatz ist eindeutig hinter ihrem E-Piano, auf dem sie muntere, manchmal auch übermütige Läufe klimpert. Das vom Charme der Künstlerin begeisterte Publikum bejubelt jeden Titel, besonders enthusiastisch die schnellen, tanzbaren Hits wie „Mouthwash“ oder „Merry Happy“. Als Kate Nash allein zur Zugabe erscheint, schlägt ihr minutenlanger Jubel entgegen. Sichtlich gerührt, braucht sie mehrere Anläufe, um in die stille Ballade „Little Red“ hineinzufinden. Mit einem Kloß im Hals wird aber niemand heimgeschickt. Inklusive Band pianorockt sie durch „Pumpkin Soup“. Im furiosen Finale drischt sie beidfäustig auf die Tasten ein und freut sich diebisch über ein Gedröhne, auf das auch Ben Folds stolz wäre. Jörg Wunder

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