Kultur : KURZ & KRITISCH

Matthias Nöther

KLASSIK

Fahrradketten

aufhängen

Charles Dutoit ist kein Innerlichkeit demonstrierender Musikdarsteller, sondern ein Zeichengeber. Ohne esoterisches Geheimnis liegt seine Technik offen zutage. Gerade deswegen ist er der eleganteste lebende Dirigent. Scheinbar achtlos hingeworfen, doch in Wirklichkeit mit Achtsamkeit angezeigt ist das motivische Detail der große formale Zusammenhang. Aus Technik gewonnene Eleganz, das ist in seinem Konzert mit dem Deutschen Symphonie-Orchester das ästhetische Motto. In Berlioz’ „Symphonie fantastique“, die mit ihren ständig wechselnden musikalischen Situationen ein weites Vorausdenken des Dirigenten verlangt, ist diese Technik bei aller Klarheit so diffizil, dass dem Zuschauer schwindelig wird. Vor der Pause, zu Prokofjews drittem Klavierkonzert, erscheint Dutoit mit Martha Argerich, die kaum besser passen könnte als heute Abend in der Philharmonie. Die große argentinische Pianistin gewinnt Ausdruck nie aus behaupteter Innerlichkeit, sondern stets aus perfekter Technik.

In ihren jüngeren Auftritten agiert sie wie eine weise Klavierprofessorin, die sich ganz auf die technische Machbarkeit von Musik konzentriert, im gleichen Moment aber immer schon, völlig unauffällig, ihre immense Ausdruckspalette entfaltet hat. Kein Wunder, dass Argerich und Dutoit Prokofjews komplexen Klavier- mit dem ereignisreichen Orchestersatz so leichthin verzahnten, als ginge es um das Aufhängen einer Fahrradkette. Das Orchester schöpft daraus ein Musizieren, das entspannter und angstfreier nicht sein könnte. Matthias Nöther



AUSSTELLUNG

Sich selbst

erfinden

Der Zeichner sitzt im Bild. Vorne rechts hat er sich auf dem Boden niedergelassen, das Zeichenbrett auf den Knien, und bringt gerade aufs Papier, was wir hinter ihm sehen: die Stadt Florenz, wie sie sich um 1500 aus der Vogelschau präsentiert hätte. Denn der Standpunkt des Zeichners war und ist in der realen Topographie nicht vorhanden. Er zeichnet ein fiktives Bild, das er sich und uns als Realität vorstellt. Zum ersten Mal in der Kunstgeschichte zeichnet sich der Künstler als Entwerfer seines Bildes auch in diesem selbst: im sogenannten Kettenplan, einer über 1,30 Meter langen Ansicht von Florenz. Den aus acht Einzelblättern zusammengesetzten Holzschnitt schuf Lucantonio degli Uberti.

Der Name Kettenplan leitet sich von der Eisenkette ab, die erst Uberti als Rahmung der Ansicht hinzugefügt hat. Als Fingerzeig: Florenz, die Blühende, ist ein schützenswertes Gut. Ein Triumph menschlicher Kunstfertigkeit, mehr noch: geordnetes Abbild der Welt, also gezeichnete Philosophie. So vieldeutig-komplexe Rätselbilder wie der Kettenplan wären im Mittelalter nicht denkbar gewesen. Und waren selbst später nicht allzu verbreitet.

Weltweit gibt es nur noch ein einziges Exemplar der aufwändigen Druckgrafik: im Berliner Kupferstichkabinett. Die Ausstellung Disegno! Der Zeichner im Bild stellt die Stadtansicht nun in den Mittelpunkt einer 200 Jahre einschließenden Entdeckungsreise (Kulturforum Potsdamer Platz, bis 24.2., Di-Fr 10-18 Uhr, Do 10-22 Uhr, Sa und So 11-18 Uhr, Katalog, 19,80 €). Sie führt die Kustoden des Kupferstichkabinetts zu den Anfängen des modernen Welt- und Bildverständnisses.

Es hat sich an der Kunst der Zeichnung entzündet. Und leuchtet für uns noch immer: etwa in der um 1450 entstandenen Studie zeichnender Hände des Florentiner Goldschmieds Maso Finiguerra.

Im Italien der Renaissancezeit galt die Zeichnung als Mutter aller Künste. Künstler-Theoretiker verstanden darunter allerdings nicht nur den handwerklichen Akt, sondern auch die intellektuelle Konzeptarbeit, die zu leisten ist. Die zeitgenössische italienische Kunsttheorie erfand für diesen Doppelschritt einen Begriff: „disegno“. In Florenz hat man dafür eigens eine Akademie gegründet.

Der Künstler wurde zeichnend zum Forscher und Denker. Eroberte mit Quadrierung und Perspektive auch Natur und Geschichte. Und verlernte das Staunen dabei nie.Michael Zajonz



AUSSTELLUNG

Walrosszähne

schnitzen

Erstaunlich, welche Details sich in ein kaum sonderbriefmarkengroßes Stück Knochen schnitzen lassen. So erkennt man bei den zwergenhaften Evangelisten Markus und Johannes noch die Schreibfeder und die winzigen Finger, die sie führen. Insgesamt 40 Mittelalterliche Elfenbeine aus dem Landesmuseum Darmstadt gastieren im Kunstgewerbemuseum: Filigrane Miniaturkunst aus dem 5. bis 14. Jahrhundert (Matthäikirchplatz 4-6, bis 6.1., Di-Fr 10-18, Sa u. So 11-18 Uhr, Katalog 29,90 €). Vorwiegend stammen die Reliquienkästchen, Buchdeckel und Kleinaltäre, gefertigt aus Elefanten- oder Walrosszahn, aus dem legendären Kabinett des Barons von Hüpsch (1730 bis 1805), der sich mit falschem Adelstitel schmückte, jedoch ein echter Kenner des „weißen Goldes“ war. In Berlin sind einige Querverbindungen zur Mittelaltersammlung des Kunstgewerbemuseums möglich, zum Beispiel weisen die Walrosszahnfiguren im Kuppelreliquiar des Welfenschatzes mit ihren länglichen Gesichtern und ausdrucksvollen Augenpartien eine starke Ähnlichkeit mit einer Jesusfigur aus Darmstadt auf: In beiden Fällen handelt es sich um Zeugnisse der Kölner Romanik.

Aus dem Aachen des frühen 9. Jahrhunderts stammt das Glanzstück der Kollektion: Ein kleines Relief mit dicht an dicht gedrängten, geradezu ineinander verschränkten Heiligengestalten, die ihre Köpfe ekstatisch zum Himmel recken. Die Darstellung ist nur fragmentarisch erhalten, die obere Platte mit der Himmelfahrt Christi fehlt. Umso eindringlicher wirkt die Szene. Jens Hinrichsen

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