Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

POP

Wuchtige

Hiebe

Winterlich vermummt sortiert Scout Niblett im proper gefüllten Lido ihr spartanisches Equipment: ein Mikro, eine E-Gitarre und ein kleiner Verstärker. Das Drumset bleibt erst mal verwaist. Die 34-jährige Britin, im Schlabberpulli und unbemützt, schabt die splitternden Akkorde von „Do you want to be buried with my People?“, ein geisterhaft ausgemergelter Blues, den sie mit pieksendem Sopran intoniert. Die Intensität ihres Vortrags hält das Auditorium in Atem, kaum ein Flüstern ist zu hören, selbst die klappernde Bar im Hintergrund scheint den Betrieb eingestellt zu haben.

Zum dritten Song „Kiss“ kommt Kris Goddard hinzu, anderthalb Köpfe größer als die mädchenhafte Niblett. Er kauert lauernd hinter den Trommeln, steigt dann mit wuchtigen Hieben ein, den ganzen Oberkörper als Schwungmasse nutzend. Manchmal wartet Goddard minutenlang auf seinen Einsatz, während Niblett scheinbar endlos auf ihrer Fender Mustang rumkratzt, aber dann mutieren verhärmte Folkliedchen plötzlich zu brachialen Garagentrash-Explosionen. Klingt fast wie White Stripes ohne Jack Whites Angebertum, denn Niblett beschränkt ihr effektives Gitarrenspiel auf rabiate, twangige Riffschraffuren.

Ihre wegen der seelenverwandten Eindringlichkeit ein wenig an Janis Joplin erinnernde Stimme ist mal vibrierendes Flüstern, mal zärtliches Schnurren, mal gellendes Schreien. Die Wirkung beruht nicht auf einem ausgeprägten Volumen ihres Organs, sondern auf der Fähigkeit, die Töne zu etwas Geschossartigem zu formen, das alles durchdringt. Man sieht ihr an, welche Anstrengung das kostet, ihr Gesicht ist beim Singen vor Konzentration fast zur Grimasse verzerrt.

Zwischen den Songs fordert sie das Publikum immer wieder auf, Fragen zu stellen. Das Niveau der Auskunftswünsche (Bist du verheiratet?, Was ist dein Lieblingsauto?) bleibt überschaubar, aber das Geplauder scheint ihre Kräfte zu erneuern. Nur so hält Scout Niblett die gut 90-minütige emotionale und musikalische Achterbahnfahrt durch.

Beim finalen „Wolfie“ kehrt sie zum Anfang zurück: noch mal drastische Seelenschau und ein bis aufs Gerippe abgemagerter Gitarrenblues. Der euphorische Jubel versickert im Realitätsschock des angehenden Saallichts. Jörg Wunder

MALEREI

Trübe

Augen

Bewegung, immer. Ein lebendiges Hin und Her durchpulst das zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit taumelnde Bild „Destination inconnue“ (Ziel unbekannt). Vor abstrakter Landschaft wabert ein Knäuel aus vogel- und menschenähnlichen Figuren. Und ragt nicht eine mit Schlagstock bewaffnete Faust heraus? Wohin mit dieser Fülle an Emotion?

Die Kuratoren dieser Hommage an einen bedeutenden Berliner Künstler haben gut daran getan, sich mit 22 Gemälden auf die frühe und späte Malerei von Martin Engelman (1924-1992) zu beschränken. Mehr wäre zu viel gewesen. Engelmans farbstarke, zwischen disparaten Gefühlen schwankende Gemälde brauchen Platz. In der Villa Oppenheim kann sich seine skurrile erfindungsreiche Figurenwelt entfalten (Schlossstraße 55, bis 27.1., Di-Fr 10-17, So 11-17 Uhr, Katalog 28 €).

Unverkennbar hat der gebürtige Holländer die lichte, meist in transparenten Schichten übereinander liegende Farbigkeit aus Paris importiert, wo er lange Jahre lebte, bis zum Ende der Sechziger. Er konnte aber auch düstere, mitunter Bacon’sche Töne anschlagen, wie die verschlungenen Leiber auf dem Ölbild „A trois“ zeigen, das 1964 von Werner Haftmann auf der Documenta präsentiert wurde. Die Zeit des von den Nazis besetzten Amsterdam klingt in dem Bild noch an; als junger Graphiker druckte Engelman damals unter falschem Namen Untergrundzeitungen. Die Großformate der Reihe „La chûte“ stecken voller Brutalität, zeigen aber auch Pop-Art-Erotik. In lockerer gemalten Bildern ist auch eine Nähe zur CoBra-Bewegung abzulesen.

Ein DAAD-Stipendium führt Engelman 1969 nach Berlin, 1971 wird er HdK-Professor und zählt bald zu den wichtigsten West-Künstlern der Stadt. Die Teilung Berlins macht ihm zu schaffen, wie der grob skizzierte Kopf des „Clown“ (1970), andeutet, der hinter einer Mauer hervorlugt. Obwohl Engelmans Figuration zu Wendezeiten nicht mehr gefragt ist, bestechen seine späten „Köpfe“ und Landschaften durch Leidenschaft und Souveränität. Jens Hinrichsen

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