Kultur : KURZ & KRITISCH

Carsten Niemann

KLASSIK

Der Glanz

des Solarplexus

Kein einfaches Werk, das Nicola Luisotti für sein Debüt mit den Berliner Philharmonikern mitgebracht hat. Dem monumentalen und effektvollen Requiem Antonín Dvoráks, das der Komponist für das Musikfest Birmingham schrieb, haftet noch immer der böse Verdacht George Bernhard Shaws an, als Auftragswerk mit der Geisteshaltung eines findigen Bestattungsunternehmers geschrieben worden zu sein. Um den Gegenbeweis anzutreten, stehen Luisotti in der Philharmonie jedoch herkulische Mitstreiter zur Verfügung. Zu diesen gehört auch der Prager Philharmonische Chor mit seinem vom tiefsten Männerbauch bis zur höchsten Frauenkehle umwerfend sonoren Klang. Für eine stimmliche Edelmaterialschlacht sorgen ferner Giacomo Prestia (Bariton), Giuseppe Sabbatini (Tenor), die etwas blassere aber differenziert gestaltende Mezzosopranistin Nino Surguladze und allen voran Anja Harteros mit ihrem wie direkt aus dem Solarplexus gestützten, Wärme und dunklen Glanz ausstrahlenden Ausnahmesopran.

Doch dem bescheiden auf Technik dirigierenden Luisotti gelingt es nicht, diesen Klangriesen eine poetische Idee aufzuzwingen. Besonders in der ersten Hälfte fehlt es dem Chor vollkommen an Textverständlichkeit, Sabbatinis offensive Italianità fällt stilistisch heraus und in den a-cappella-Passagen der Solisten knistern die nicht abgestimmten Vibrati. Nur in der ersten Fuge des Offertoriums wandelt sich Luisotti plötzlich zum Charismatiker, stürzt sich ins Geschehen und die überraschten Musiker folgten ihm für Minuten mit Intensität. Das faire Publikum vergisst es ihm nicht: Es ruft ihn zum Einzelapplaus auf das bereits leere Podium. Carsten Niemann



ROCK

Der Dampf

älterer Herren

Um Mitternacht wird im Quasimodo die Hauptattraktion angesagt: Sie seien die härteste Band der Welt, möge man doch die Stones vergessen: „Ladies and gentlemen, The Pretty Things!“ Tatsächlich war die Londoner Band um Phil May und Dick Taylor, der in der ersten Formation von Jagger und Richards mitspielte, in den 60er Jahren eine harte Konkurrenz. Galten die Stones schon als extreme Bürgerschrecks, wurden sie von den Pretty Things noch übertroffen. Mit längeren Haaren, gefährlicherem Auftreten, ungehobelterem R&B, wüsterer Bühnenshow. Phil May kreischte damals ins Mikrophon und wälzte sich herum. Scharen junger Mädchen kreischten zurück.

Heute ist ein Konzert der Pretties eine fast exklusive Gesellschaft älterer Männer. Die Band in schwarzen Anzügen, schwarzen Krawatten und Sonnenbrillen wirkt wie ein Haufen Bestattungsunternehmer. Nur der fast 65-jährige Dick Taylor, mit Goldrandbrille, sieht aus wie ein Universitätsprofessor. Er starrt auf den Hals seiner Telecaster, während er ihr zum Backbeat eines rollenden Schlagzeuges wilde Riffs entreißt.

Phil May, etwas pummelig um den Bauch, ist immer noch ein formidabler R&B-Shouter, der die alten Klassiker von Muddy Waters belebt, sowie die eigenen Hits aus den besseren Zeiten: „Don't Bring Me Down“, „Judgement Day“, „Rosalyn“ und „Roadrunner“, gegen deren Durchschlagskraft die Songs aus der späteren Ära abfallen. Immer noch eine dampfende Band. H.P. Daniels

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