Kultur : KURZ & KRITISCH

H.P. Daniels

ROCK

Was ist so komisch

am Frieden

Es sei fantastisch in Berlin zu sein und Musik zu machen, sagt Bob Geldof. Einfach mal nur Musik. Tatsächlich hatte man über all seinen wohltätigen Engagements für die Hungernden in Afrika fast schon vergessen, dass der unermüdliche Spendeneinsammler kein Diplomat ist, sondern Rock’n’Roller. Doch jetzt steht er auf der Bühne des Columbiaclubs, sieht im dunklen Zweireiher und mit wilden Haaren aus wie Oscar Wilde, spielt auf seiner akustischen Linkshändergitarre lockeres Fingerpicking, einen irisch angehauchten Folksong, und fetzt dann heftig los zu rasantem Folkrock mit seiner formidablen Band, die ihn schon seit Jahren begleitet. Elektrische Violine, Mandoline, Tin Whistle, Keyboards, Akkordeon, Gibson-Les-Paul. Pete Briquette war schon Bassist bei den Boomtown Rats, mit denen Geldof Ende der siebziger seine größten musikalischen Erfolge hatte. Geldofs letztes Soloalbum liegt allerdings auch schon über sechs Jahre zurück. Umso erstaunlicher, dass der 54-jährige Ire immer noch gewaltige alternative Energien wecken kann mit seiner näselnden Stimme, in der sich immer wieder die Leidenschaft für Dylan, Jagger und Lennon begegnen. Knalliger R & B, hymnische Melodien und jede Menge unverwüstlicher Boomtown-Rats-Nummern. Sogar „I Don't Like Mondays“ von 1979, die Geschichte vom Amok-Mädchen, das auf Lehrer und Mitschüler schießt, weil es die Schule an Montagen besonders hasst, erscheint aktueller denn je. Zum Ende steigt Campino ein, beide singen Nick Lowes „What’s So Funny ’bout Peace, Love & Understanding“ und Wirtschaftsstaatssekretär Bernd Pfaffenbach spielt auf einer exotisch-roten E-Gitarre ein Solo zu „Route 66“. „Fuck politics! Play rock’n’roll!“ raunzt Geldof und bringt den Saal zum Toben. Wim Wenders und Alfred Biolek applaudieren. H.P. Daniels

KLASSIK

Wenn Magie

aristokratisch wird

Pracht und Plunder, Poesie und Prunk: Je näher Weihnachten rückt, desto unschärfer verläuft die Grenze zwischen Erfüllung und Erschöpfung. Die Konzertmaschinerie brummt in der Adventszeit auf Hochtouren und dreht dabei oft leer. Bis dann so ein Geschenk dabei ist, ein Abend, an dem gleich zwei junge Künstlerinnen bis zum pochenden Herz der Musik vordringen. Dunkle Aristokratin die eine, zum Zerbrechen dünn, doch energisch in die Rolle zorniger junger Männer schlüpfend. Weiße Magierin die andere, vehement den Augenblick auskostend, immer auf dem Sprung. Die Altistin Marijana Mijanovic und die Cellistin Sol Gabetta: Musikerinnen, die, mitten im PR-Wirbel stehend, so gar nichts Gemachtes haben. Im Kammermusiksaal präsentieren sie mit dem flinken Kammerorchester Basel natürlich auch ihre neuesten CDs – und sind unbeirrbare Charakterköpfe. Anders wäre das Programm auch nicht zum Leben erwacht. Vivaldis herrliche Cellokonzerte befreit Gabetta angriffslustig vom Verdacht des Phrasenhaften. Sie entdeckt Freiheit in jedem Bogenstrich und singt mit ihrem Cello ohne Rührseligkeit vom Aufruhr des Herzens. Marijana Mijanovics wundersam schattiges Organ glimmt in den Arien, die Händel für den Kastraten Senesino schuf. Und es stiebt furios auf, wenn Vivaldi dem Liebesschmerz ewigen Ausdruck schenkt. Ein Tiefenrausch. Ulrich Amling.

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