Kultur : KURZ & KRITISCH

Dorte Eilers

KLASSIK

Aber bitte

mit Seide

Mit ihm kann man es ja machen, mit Frédéric Chopin, dem geheimnisumhauchten, einsamen Genius am Klavier. Mit ihm, so zumindest dachte es wohl der russische Pianist Wassilij Kulikow, ließe sich im Kleinen Saal des Konzerthauses vorzüglich zeigen, was ein romantischer Klavierabend ist. Zunächst die Bühnendekoration: Auf dem Boden liegt, wie zufällig einem Damenhals entglitten, ein rotes Seidentuch, neckisch eine Vase mit roten Rosen umspielend. Beidseits Gemälde auf hohen Staffeleien: fünf Ikonen als Geleitschutz der russisch-orthodoxen Kirche sowie ein Blumenstillleben. Das augenfälligste Element bleibt jedoch der Flügel: edel glänzend, mit Rosengewächsen umkränzt, so putzig und kitschig wie die Weihnachtsmarktbuden vor der Tür. Aber dann Kulikow: Überraschend unprätentiös startet er in sein Chopin-Programm. Bei den acht ausgewählten Walzern, darunter den beiden „Großen“ in a-Moll und As-Dur, vermeidet er Pathos und den pseudo-schwelgerischen Einsatz des Pedals. Sein Anschlag: luftig, trocken und forsch – das tut dem drängenden und quirligen Charakter der Walzer zwar gut, ist jedoch leider keine Garantie dafür, die richtigen Tasten zu treffen.

Im zweiten Teil beherrschen statt roter nun weiße Rosen die Bühne und den Flügel. Kulikow spielt, selbst im weißen Frack, fünf Nocturnes. Immer wieder gibt es traumverhangene Momente, aber auch – etwa in der Revolutionsetüde dem Willen zur Virtuosität geschuldet – falsche Töne. So kann’s gehen, wenn Musik zur Pose verkommt. Dorte Eilers

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