Kultur : KURZ & KRITISCH

Isabel Herzfeld

KLASSIK

Ein Flügel öffnet

seine Schleusen

Es ist rätselhaft, wer den Sprung auf die großen Bühnen schafft und wer nicht. Standing Ovations für Igor Kamenz in der Französischen Friedrichstadtkirche feiern einen großartigen Klavierabend. Unter welch schweren Bedingungen dieser stattfinden muss, zeigen die ersten Töne von Beethovens früher E-Dur-Sonate op. 14 Nr. 1: Da scheppert der Flügel, die hallige Akustik wirft ein hässliches Echo der Stakkato-Tupfen des Seitenthemas zurück, lässt Hämmer und Pedal wie Paukenschläge klingen. Alles Virtuose wird so zum undurchdringlichen Brei – besonders bei Debussys rauschhafter „L’isle joyeuse“. Gemeißelte Rhythmen lassen ahnen, wie glasklar der 39-jährige Russe in Wirklichkeit spielt. Alles Lyrische dagegen – wie das Prélude „La fille aux cheveux de lin“ – verzaubert durch seine warme Melodik. Allzu viel Tiefsinn ist dabei Kamenz’ Sache nicht, eher ein Überschuss: explosive Technik, unbezähmbare Spiellust, üppiger Klangsinn.

Solche Extreme bekommen – in bester „russischer Schule“ – auch Beethoven gut. Elegant fließt op. 14 dahin, wogegen die „Appassionata“ (op. 57) einmal nicht in den Klang- und Schmerzensfluten wühlt, sondern den Atem verschlägt. Ozeanisch geht es bei „Isoldes Liebestod“ in der alle Schleusen öffnenden Klavierfassung von Franz Liszt zu – wie gern hätte man die von Kamenz in der Philharmonie gehört! Isabel Herzfeld

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