Kultur : KURZ & KRITISCH

Sybill Mahlke

KLASSIK

Wanderung

auf Mittelwegen

„Bisschen Mathis, bisschen Lindlein laube und zum Schluss einen Choral“ – und schon ist das Stück vorbei. Paul Hindemith, der seine „Trauermusik für Bratsche und Streichorchester“ so launig umschreibt, spricht ein Gelegenheitswerk an, das in London aus Anlass des Todes von König Georg V. eilig zu Papier kam. Auf der Höhe seiner Bratschistenkarriere spielte der Komponist es selbst. Mit der sonoren Bagatelle erinnert Pinchas Zukerman in der Philharmonie an das Eintauchen des revolutionären Hindemith in die Tiefen der Vergangenheit. Hier singt und klingt das Instrument. Darüber hinaus ist der Abend eine Enttäuschung.

Es mag ein Stück Treue des Chefdirigenten Daniel Barenboim sein, dass er dem Jugendfreund – man denke an die legendäre Kammermusik mit Jacqueline du Pré – immer noch gern seine Staatskapelle anvertraut. Vor ihr steht Zukerman als Solist und Dirigent und lässt in den Spielpausen fuchtelnd den Bogen sprechen. Als Interpret des aparten Programms aus alter und neuer Klassik indes hat er offenbar nicht mehr viel zu sagen.

Strawinskys Concerto in D wird vollzogen, ohne dass Charme oder freche Brillanz der munteren Achtelfiguren auftauchte. Oder eine Deutung, wie fern und nah das Vorbild Haydn in dieser Partitur ist. Dabei lässt Zukerman den Wiener Meister mit dessen erstem Violinkonzert folgen, das er in geigerischer Routine mit sanften Höhen ausführt.

Alles wandert auf stilistischen Mittelwegen ohne den Stempel eines eigenen musikalischen Abenteuers. So auch die Nr. 99 aus den Londoner Sinfonien. Hier regiert immerhin dirigentische Hingabe im Menuett. Viermal „Orchester des Jahres“, kann auch die Staatskapelle kein Spitzenorchester aller Tage sein. Sybill Mahlke

TANZ

Glücksgefühl

auf Höhenflügen

Bei Toula Limnaios hat man meist das Gefühl, mit offenen Augen zu träumen. Auch der neue Tanzabend simply gifts (13.-16.12., 20 Uhr, Halle - TanzBühne) hat etwas wunderbar Entrücktes. Sacht wird einem der Boden unter den Füßen entzogen, die alltägliche Logik wird auf den Kopf gestellt. In „simply gifts“ hat die Choreografin für fünf Darsteller ihres Ensembles ein Solo kreiert. Und das geht weit über die üblichen bekennerhaften Tänzerporträts hinaus. Hier beginnen sogleich die Wunschenergien zu zirkulieren. Die Akteure träumen sich in einen anderen Körper hinein oder sie scheinen dem Traum eines unruhigen Schläfers (Carlos Osatinsky) entsprungen zu sein, der im Morgenmantel am Rande der Bühne sitzt.

Mercedes Appugliese spintisiert in „Hola Merce“ zu pompösen Radioklängen von zukünftigen Heldentaten. Mit ihrem roten Helm mutet sie wie eine Comicfigur an. Der behelmte Kopf scheint zu groß und zu schwer für den zierlichen Körper. Die Tänzerin kippt aus der Balance, knallt wiederholt zu Boden, kreist auf dem Helm wie ein Propeller und scheint bei all ihren Aktionen unverwundbar. Die Dame hat offensichtlich ihren ganz eigenen Kopf. Wie sie auf Konfrontationskurs mit der Realität geht, das hat eine waghalsige Komik.

Die Figuren bei Toula Limnaios stehen oft auf der Kippe, aber sie haben auch keine Angst zu fliegen. Der Japaner Hinorori Sugata unternimmt in „Ich bin eine Fiktion“ einen euphorischen Höhenflug. An einem Seil befestigt, schlägt der Tänzer der Schwerkraft ein Schnippchen. Er rotiert zunächst sacht um die eigene Achse, pendelt, schaukelt und scheint regelrecht zu fliegen. Eine Luftnummer, die wahre Glücksgefühle weckt.

Katja Scholz hat sich von Maxie Wanders Buch „Guten Morgen, Du Schöne“ zu einer bizarren Fantasie anregen lassen. „Jeder von uns hat das Recht, wegzugehen und als ein anderer wiederzukommen,“ heißt es da. Scholz ist zunächst als halbnackte Rückenfigur mit einem ausladenden Kopfputz zu bewundern. Ihre Bewegungen sind von aufreizender Langsamkeit. Die Schöne kreist selbstversunken um sich selbst und verwandelt sich vor unseren Augen in ein erotisches Fantasma. Sie holt zwei schwarze Stöckelschuhe, die gängigen Requisiten der Verführung, aus ihrer Unterhose und hüllt dann Kopf und Oberkörper in schwarzes Fell. Sie ist beides zugleich: King Kong und die weiße Frau – ein irritierendes Bild für das weibliche Begehren.

Ute Pliestermann ersinnt sich in „riss“ ein imaginäres Gegenüber, dem sie genaue Anweisungen gibt. Sie mimt die fesche Lola in goldenen Hot Pants, doch ihre Verführungsstrategie läuft ins Leere. Da ist niemand, der sie erhört, den sie betört – eine Frau am Gängelband ihrer Wünsche. Verrückt und verrätselt sind diese tänzerischen Miniaturen – und sehr erotisch. Mit „simply gifts“ hat Toula Limnaios ihren Tänzern ein Geschenk gemacht. Sandra Luzina

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