Kultur : KURZ & KRITISCH

Kolja Reichert

KUNST

Erichs

Schnorcheltruppe

Die Stadt scheint sich ängstlich wegzuducken. Ein grauer Himmel drückt das Zeughaus zentnerschwer zu Boden. Eine Bahnhofshalle atmet die Kälte eines Schlachthofs, ein Gitter aus Fliesenfugen überzieht drinnen die letzten Spuren von Leben. Der rohe Betonkern einer Industrieanlage ragt in den Himmel, als modernes Vanitas-Symbol. Für seine Aquatinta-Serie „Steinernes Berlin“, die den Stadtraum als verlassene Felslandschaft zeigt, wurde der Maler und Grafiker Manfred Butzmann 1991 mit dem Käthe-Kollwitz-Preis ausgezeichnet. Bis heute ist der Künstler, der 1942 in Potsdam geboren wurde, sich seine Handschrift unter Werner Klemke an der Akademie der Künste aneignete und in der DDR gerne mit kritischen Plakatdrucken provozierte, vor allem dem westdeutschen Publikum kaum bekannt, was das Käthe-Kollwitz-Museum nun mit einer Werkschau zu ändern versucht (Fasanenstr. 24, bis 6.1., Mi-Mo 11-18 Uhr). Neben grafischen Arbeiten finden sich in dieser Ausstellung auch ausdrucksstarke Aquarellporträts, Ölgemälde, aus denen Otto Dix zu grüßen scheint, und Frottagen von Berliner Hausflurböden, in denen die Spuren der Geschichte sichtbar werden. Die Zeit seines Militärdienstes hielt Butzmann in lakonischen Motiven wie dem „Soldat im Umhang“ fest: „Das ist Michael Riechert“, steht unter einem Schutzanzug mit Gasmaske. Butzmann setzt den offiziellen Wahrheiten einen trockenen, demaskierenden Witz entgegen und lenkt den Blick von den wehenden Fahnen und den großen Bühnen hinunter auf Augenhöhe, hinein in vernachlässigte Ecken oder vom Leben gezeichnete Gesichter. Das hat nichts mit einem Hang zum Düsteren zu tun – sondern vielmehr mit dem Willen zur Aufklärung. Kolja Reichert

KLASSIK

Gottes

Graffiti

„Christen, ätzet diesen Tag in Metall und Marmorsteine“: Selbst Liebhaber barocker Poesie können sich ein Lächeln nicht verkneifen, wenn sie manche von Bachs Kantatentiteln lesen. Nicht so Masaaki Suzuki: Dem japanischen Dirigenten, Organisten und Alte-Musik-Spezialisten ist das barocke Pietistendeutsch vertraut wie seine Muttersprache. Mit den Sängern des Collegium Vocale Gent und dem Freiburger Barockorchester malt Suzuki das gewagte Bild von den meißelnden Christen im Kammermusiksaal mit größter Selbstverständlichkeit aus. Und siehe da: Es verändert sich. Frisch, kostbar und zum Anfassen plastisch glänzt das perfekt intonierte Wort „Metall“ aus den prätentiösen Versen hervor, die Distanz der Jahrhunderte scheint spielend überwunden. Nun weiß das Freiburger Barockorchester zwar auch sonst barockes und heutiges Lebensgefühl zu verbinden, doch während die Freiburger ohne Dirigent bisweilen Gefahr liefen, sich abrockend anzubiedern, richten sie mit dem japanischen Gast den Blick deutlich auf eine höhere Ebene. Ob fernöstlich angehaucht oder nicht – Suzukis Bachinterpretationen atmen bei all ihrer Lust am dramatischen Bild eine lächelnde Gelassenheit und entspannte Präzision, die dem glaubensfesten Innovator Bach ebenso gerecht wird, wie sie für ein säkulares Publikum attraktiv ist. Kurz: Die Freiburger übertreffen sich an diesem Abend selbst. Und da sich auch die historisch korrekt im Chor mitsingenden Solisten in diesem ganz Bach gewidmeten Weihnachtsprogramm gut auf Suzuki einschwingen (allen voran Dorothee Mields, die „deutsche Kirkby“, und Damien Guillon mit seinem klaren Altus), ätzt sich dieser Abend ganz von alleine in die Erinnerungstafel wertvoller Konzerterlebnisse ein. Carsten Niemann

POP

Thors

Hammerskala

Höllenschlag und Donnerkeil! Eines Tages wird die Musik nicht mehr schneller, lauter und härter werden können. Bis dahin stehen Killl ganz vorn auf Thors nach oben offener Hammerskala. Die Band aus Oslo dekonstruiert Rock und präsentiert das Ergebnis auf ihre verschlagene Art als moderne Konzeptkunst, die als einzigartiges Live-Erlebnis in Erinnerung bleibt. Bei ihrem Auftritt im Lido spielen Gitarren und Schlagzeug direkt in den Laptop, wo die Sounds moduliert und mit Spezialeffekten angereichert werden, während vor einer psychedelischen Bühnentapete ein Stroboskop flackert, bis die Netzhaut glimmt. Mit höchster Präzision und der Vitalität von Amokläufern manövriert sich das Quartett durch schwierigste Haltungswechsel, springt mit hellwachem Killerinstinkt vom speedigen Wegpust-Metal zum querrhythmischen Jazzrockgemetzel und taucht dazwischen in lähmende Nebel: Stürze ins Nichts, die keine Dramaturgie vorhersehbar macht, Pausen, in deren spannungsgeladener Stille jedes Plektrumgeknirsche und Stromversorgungsbrummen deutlich in den Vordergrund tritt. Dazu ein irres Gebrüll, das den restlichen Lärm mit noch mehr Nachdruck durch die Schrottpresse jagt. Eine Musik, die Death-Metal, Free-Jazz und Elektronik zum Konzentrat verquickt und auf ihre wesentlichen Bestandteile reduziert: Alles Schnelle, Laute und Gemeine wird zusammengeworfen zu einem Geröllhaufen, umzäunt von elektrischen Drähten, die sich bei Berührung blitzartig entladen. Die Musiker freuen sich sichtlich an diesen Funken, die ihr Publikum in begeisterte Wirrnis stürzen. Bis nach vierzig Minuten nur dieses hartnäckige Pfeifen im Ohr zurückbleibt. Die Discokugel an der Decke des Lido zittert noch immer. Volker Lüke

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