Kultur : KURZ & KRITISCH

Jürgen Tietz

ARCHITEKTUR

Kühle

Form

Finnland gehört nicht nur wegen seiner kontinuierlich guten Pisa-Bilanz zu den bewunderten europäischen Vorreitern, sondern auch aufgrund seiner Baukultur mit Verfassungsrang. Allein schon deshalb macht die Ausstellung im Deutschen Architekturzentrum (DAZ) über neue Finnische Architektur aus Kunst und Kultur neugierig (bis 1. Februar 2008, Köpenicker Straße 48/49, Di–Fr 12–18 Uhr; Sa und So 14–18 Uhr, Katalog 6 €). Zumal auch Schulen und Kindergärten in der Schau vorgestellt werden.

Doch zunächst fällt der Blick auf das Ausstellungsdesign aus der Rolle: Überdimensionierte Papierrollen gliedern den Raum. An ihrem Ende entrollen sich zu Füßen der Besucher Papierbahnen, auf denen die Bauten vorgestellt werden, die solch überambitionierter Präsentation aber gar nicht bedürfen.

Der schöne Kindergarten von JKMM Architects in Leipuri (2000/03) etwa mit seiner sinnlich-skulpturalen Gestaltung besitzt selbst genügend Präsenz. Das gilt auch für die Bibliothek in Turku, ebenfalls von JKMM. Wie ein mächtiger Bildschirm, der von innen heraus leuchtet, öffnet sie sich mit ihrer weiten Fensterfläche zur Stadt. Dank Qualität und Erfolg im eigenen Land rollt auch der finnische Architektur-Export. Das zeigt die von Tarja Nurmi kuratierte Ausstellung am Beispiel des ambitionierten Projekts für das Warschauer Zentrum für die Geschichte der polnischen Juden (Lahdelma und Mahlamäki) oder des 2006 eingeweihten Kumu Art Museum von Vapaavuori Architects in Tallinn/Estland. Vertiefende Einblicke in die finnische Architektur bietet darüber hinaus ein Symposium im DAZ, das am 18. Januar (17 bis 20 Uhr) stattfindet.Jürgen Tietz

MALEREI

Verquere

Linie

Wer weiß, wie es aussieht, das ominöse Unbewusste, das der Surrealist Roberto Matta in seinen Bildern einfangen wollte. Er selbst fand zur Beschreibung seiner Bilder nur vage Paradoxien, Beschwörungsformeln wie etwa: „Der Zugang ist am Ausgang.“ Schaut man aber heute, fünf Jahre nach seinem Tod, auf sein Werk, entdeckt man dort vor allem eins: Dynamik.

Sieben Großformate von 1948 bis in die achtziger Jahre stellt die private Sammlerinitiative El Sourdog Hex aus, sieben Mal offenbart sich hier Mattas Beweglichkeit im Denken und Formempfinden (bis 29.12., Zimmerstr. 77, Di–Sa 11–18 Uhr). Er war eben überall und dort nie allein: In Chile geboren, in Spanien und Frankreich aufgewachsen, traf der Architekt, Dichter und Maler in einem Leben voller Unstetigkeit die Großen seiner Zeit, ließ sich anregen und überreden zu immer neuem Ausdruck. Aus dem Schwung seiner Linien, in Windungen und Querverbindungen, im Glimmen unförmiger Gebilde vor flamboyantem Grund spricht die unbändige Freude des Malers am Experiment – und gleichzeitig eine kaum fassbare Bedrohung.

Das Ölbild „The Splitting of the Ergo“ von 1946 könnte als eine Bauanleitung für eine Arche dienen: Alle Teile schweben im Raum, alles passt offenbar zusammen, bloß wie? Andere Gemälde wirken wie große Visionen von einer technokratischen Welt, ein Durcheinander von Automaten und Kreaturen, die wie in einer Fabrik zusammenarbeiten; doch wer reguliert hier wen?

Der Betrachter meint etwas zu erkennen – eine Maschine, die Körper gebärt, Fließbänder, Schläuche, Gasflaschen –, und schon löst sich alles wieder auf in abstrakter Komposition. Da war es wohl, das Unbewusste, und hat sich seine Welt gebaut. Daniel Völzke

LITERATUR

Originelles

Leben

„In meiner eigenartigen Kindheit ersetzte mir die Angst die Mutter“, schreibt Tim Guénard. Anders als diese nämlich war die Angst „treu und auf Abruf verfügbar“. Schockierend wie damals in Deutschland die „Kinder vom Bahnhof Zoo“ wirkt derzeit das Buch Boxerkind (Pattloch Verlag, München 2007, 224 Seiten, 16,95 €) auf Frankreichs Leser. Eine Million Mal hat sich der Dokumentarbericht eines Straßenjungen dort verkauft. Verfasst von dem heute 45-jährigen Guénard, den die Mutter im Alter von drei auf der Straße aussetzte und der Vater bald darauf halb totschlug, kommt dieses Buch daher wie ein modernes Märchen von Überleben und Autonomie.

Guénard, dessen kindliche Karriere ihn in Heime, Kliniken und Besserungsanstalten führte, zu bäuerlichen Pflegeeltern jenseits jeder Pädagogik, auf die Straße der jugendlichen Kriminellen in Paris, in den Boxring und schließlich in eine christliche Wohngruppe, scheint sich aus dem Nichts ein eigenes, originelles Leben zu basteln. „Mitten im Ozean meines Unwissens gibt es einige Inseln“, bemerkt der Junge einmal. Und, allmählich, fügt er sie zu Festland zusammen. Beachtlich ist dabei die Lakonie, mit der Guénard, stets im Präsens, zentrale Szenen seiner Biografie schildert. Ein aufgeklaubter Fetzen Geschenkpapier, das gute Wort einer Richterin werden hier zu rettenden Momenten.

Inzwischen ist Tim Guénard verheiratet, vierfacher Vater und züchtet Bienen auf einem Hof in den Pyrenäen, wo seine Familie gelegentlich vernachlässigte Jugendliche aufnimmt. Mit Vorträgen setzt er sich gegen Jugendgewalt ein. Gäbe es nicht ein Fundament der Fakten, müsste man meinen, hier habe einer ein Wunder erfunden. Caroline Fetscher

KLASSIK

Blanker

Granit

Kurzfristige krankheitsbedingte Programmänderung bei den Philharmonikern: Statt Yuri Temirkanov dirigiert Dmitrij Kitajenko, statt Sibelius gibt es nach der Pause Tschaikowsky. Womit wir dann ein rein russisches Programm hätten, das leider erst in der zweiten Hälfte so recht in Schwung kommt.

Nun ist ein Jahrhundertkonzert unter solch misslichen Umständen auch nicht zu erwarten, aber Kitajenko, der für die Gesamteinspielung der Schostakowitsch-Sinfonien kürzlich den Echo-Preis erhalten hat, gelingt in der Philharmonie doch eine äußerst hörenswerte Aufführung von Tschaikowskys vierter Sinfonie.

Gleich im ersten Satz lässt er das Schicksalsthema mächtig, aber ohne zu forcieren, wie einen blankgeputzten Granit intonieren. Wie überhaupt Kitajenko nur dort Klangmassen in Bewegung setzt, wo die Partitur das wirklich verlangt. Meist hält er die Musik schlank, wie etwa im Walzerthema, mit dem Tschaikowsky der schicksalsschweren Exposition eine lebenszugewandte Vision entgegensetzt. Im dritten Satz gelingen die fragilen, dynamisch fein gezeichneten Streicherpizzikati fast durchweg. Man ahnt, dass hier mit etwas mehr Probezeit Optimales möglich gewesen wäre.

Und der letzte Satz, vom Komponisten als Aufforderung, sich den einfachen Freuden des Lebens zuzuwenden, disponiert, krönt schwungvoll einen Abend, der mit einer doch etwas blassen Interpretation von Prokofjews zweitem Violinkonzert begann. Es fehlte wohl die Zeit, sich mit Sergey Khachatryan auf eine Interpretation zu einigen, weshalb die Aufführung über handwerkliche Perfektion kaum hinauskam. Ulrich Pollmann

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