Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

POP

In Wüsten

nichts Neues

Hin und wieder werden Tinariwen als die „Rolling Stones der Sahara“ bezeichnet. Weniges könnte irreführender sein. Dies ist keine Rockband mit ihrem Jahrmarkt individueller Eitelkeiten. Tinariwen ist ein seit 25 Jahren aktives Musikerkollektiv aus den endlosen Wüstenweiten Nordmalis, das mit seinen Liedern für das Recht auf die nomadische Lebensweise der Tuareg streitet. Im Kesselhaus treten sie zu acht auf: die beiden Frauen unverschleiert, wogegen die Männer das Gesicht mit dem traditionellen Schesch verhüllt haben. Nur Ibrahim Ag Alhabib zeigt sein lockiges Haupt mit eindrucksvoll gefurchtem Antlitz. Einen unaufgeregteren Bandleader hat man selten gesehen. Wenn nicht er den melodischen Singsang in Tamascheq oder Französisch murmelt oder mit der E-Gitarre unexpressives, lautmalerisches Geklingel über die Songs streuselt, tut es eben ein anderer. Zum federnden Klopfen der Djembe pumpt der Bassist melodische, funkige Noten, die Rhythmusgitarre spielt kurze, gedämpfte Licks. Darüber das Geflirre der Leadgitarren. Die Musik klingt trotz ihrer Andersartigkeit seltsam vertraut. Man verliert leicht das Zeitgefühl bei diesem hypnotischen Saharablues, der manchmal an die hippiesken Improvisationen der Grateful Dead erinnnert. Nach knapp zwei Stunden endet die faszinierende Reise im Jubelbad der Menge. In der Wüste kommt es nicht darauf an, wie lange man unterwegs ist. Sondern, dass man ankommt. Jörg Wunder

KUNST

Deswegen muss ich

nächstens wieder hin

Auch viele Chinesen haben noch einen Koffer in Berlin – am Savignyplatz in Charlottenburg, um genau zu sein. Denn dort zeigt derzeit die Galerie Aedes eine ungewöhnliche Ausstellung mit dem Titel „Traveling Landscape“ (Else-Ury-Bogen 600-601, Charlottenburg, bis 31. Januar, Mo-So 10-20 Uhr. Vorträge von dem Planer Eduard Kögel und dder Kunsthistorikerin Birgit Hopfener am 18. Dezember, 18.30 Uhr). Einer der interessantesten zeitgenössischen Künstler Chinas, Ai Weiwei aus Peking, hat sie zusammengestellt: Dutzende von unterschiedlich schwarz- weiß gescheckten Trolley-Koffern hat er unter den rumpelnden S-Bahnbögen zu einer Landschaft drapiert – und irritiert damit die Besucher. Denn Ais Berliner Installation ist nur als eine blasse Erinnerung an seine Aktion für die documenta XII, bei der er 1001 chinesische Landsleute nach Kassel eingeladen hatte.

Ai Weiwei überschreitet gerne Grenzen – als Zwitter zwischen Architekt, Stadtplaner und Konzeptkünstler. Die Koffer auszustellen, muss der Künstler selbst allerdings so langweilig gefunden haben, dass sich sein Ausstellungskatalog allein mit pressierenderen Themen aus Ai Weiweis urbanistischem Wirken beschäftigt: Das einst beschauliche Dorf Caochangdi unweit des Pekinger Großflughafens, in dem Ai seine Studios und Galerien gebaut hat, droht von der Urbanisierungswalze in China plattgemacht zu werden. Ein millionenfaches Schicksal.Ulf Meyer

KLASSIK

Ferner, mein Gott,

von Dir

Die Orgel prägt den großen Saal des Konzerthauses zwar architektonisch, doch wenn nicht gerade eines der rund zehn reinen Orgelkonzerte im Jahr stattfindet, bleibt sie stumm. Was soll man auch spielen? Viele Werke für Orgel und Orchester sind nach der Barockzeit nicht entstanden. Vermutlich ist die kirchliche Assoziation einfach zu dominant. Nun aber hat sich der Leipziger Komponist Steffen Schleiermacher an die Orgel gewagt: Sein Konzert GegenBild, 2006 im Gewandhaus uraufgeführt, stellten das Konzerthausorchester und der Solist Michael Schönheit jetzt auch in Berlin vor. In schroffem Kontrast zur Klanggewalt des Orchesters wirkt die Orgel bei Schleiermacher stellenweise fast intim, führt Selbstgespräche in Halbtonschritten, singt einmal nicht Gottes Lob, sondern gelangt zu vollkommen neuen Ausdrucksmöglichkeiten. Das wirkt wie die Befreiung des Instruments aus der liturgischen Umklammerung. Und weil in dieser Komposition die Welten der Orgel und des Orchesters miteinander ringen, hat Dirigent Robin Engelen ihr andere Werke zur Seite gestellt, in denen Polarität und Dialog als Formprinzip eine Rolle spielen: Mozarts kurze Sinfonie Es-Dur KV 184 und Carl Nielsens fünfte Sinfonie. Hier gelingt den tiefen Streichern in den frei fließenden hymnischen Passagen ein Klang von anrührender Klarheit. Engelen hält die Fäden auch in den gewaltigen Ausuferungen der musikalischen Stränge im Finalsatz fest in der Hand. Udo Badelt

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