Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

ROCK

Sind so dünne

Beinchen

Kriegen die eigentlich nichts zwischen die Zähne auf ihren Tourneen? Adam Stephens und Tyson Vogel, zwei 26-Jährige aus San Francisco, die seit einigen Jahren als Two Gallants unterwegs sind, sehen mit ihren besenstieldünnen Beinchen und bleistiftspitzen Ellenbogen gefährlich anorektisch aus. Aber man versteht schnell, was der Grund für das ausgezehrte Äußere sein könnte: Sie lassen ihre gesamte Energie in die Musik fließen. Im Postbahnhof fingerpickt Stephens mit unermüdlicher Präzision diffizile Tonfolgen und sinistre Reverb-Akkorde auf seiner halbakustischen Gretsch-Gitarre. Und singt sich mit heiserer, bebender Intensität schier die Seele aus dem Leib. Vogel bereichert das in diesem Konzertjahr besonders vielfältige Bestiarium herausragender Drummer um eine weitere Unterart: Als würden sie an unsichtbaren Schnüren hängen, propellern seine Arme über die Trommeln. Abrupt bremsend, brachial beschleunigend, wobei die langen Haare vom Luftzug seines Gedresches ständig hochgewirbelt werden.

Die Stücke von Two Gallants sind wilde, störrische, um sich schlagende Ungetüme von alttestamentarischer Textgewalt, immer wieder in Momenten ergreifender Schönheit innehaltend. Die unersättliche Komplexität des frühen Bob Dylan vermengt sich mit der Rigorosität der Violent Femmes zur brodelnden Country-Folk-Punk-Ursuppe. Aber nicht mal damit geben sich Two Gallants zufrieden, sie fantasieren auch noch jazzige Intros und geschmeidig-virtuose Songübergänge zusammen. Vor der stürmisch erjubelten Zugabe schlürfen die Jungs erst mal jeder einen Multivitaminsaft. Dann bratzen sie zum Abschluss die wahnwitzige, zehnminütige Höllenfahrt „Waves of Grain“ raus. Die beiden geben noch mal alles. Das dürfte wieder ein paar Kilo gekostet haben. Hoffentlich steht backstage ordentlich was zu futtern bereit. Jörg Wunder

ARCHITEKTUR

Sind so hohe

Häuser

Es gibt Gebrauchsgegenstände, die bemerkt man nicht, weil sie perfekt sind. Zum Beispiel die Türdrücker im Mies- van-der-Rohe-Haus. Da muss Designspezialist Wolfgang Binder erst einen eigenen Artikel über die Mies’sche Klinke (mit raffinierter Zeigefingerkuhle) schreiben, bis die Besucher sie noch einmal nachfühlen gehen. Vor allem war man gekommen, um der Präsentation des neuen Mies Haus Magazins beizuwohnen (64 Seiten, 6,50 €). Traurige Anlässe für das Thema des dritten Hefts, „Moderne im Abriss“, gibt es deutschlandweit genug: „Eines der schönsten Gebäude Berlins wurde 2001 abgerissen: die Bewag-Zentrale“, klagt Ronald Berg, der zusammen mit Wita Noack, Leiterin des 1932/33 erbauten ehemaligen Privathauses, Herausgeber des Magazins ist. Die Kunsthistorikerin hat sich mit dem Schicksal der Mies-Villa zwischen 1945 und 1989 beschäftigt, einer Phase des „ideologischen Abrisses moderner Ideen“, wie sie sagt.

Die Künstlerseiten im Heft hat die Berliner Fotografin Heidi Specker gestaltet, die Mies’ Zwillingstürme am Lake Shore Drive in Chicago aufnahm: Jede Doppelseite paart eine Helikopterperspektive auf die Hochhäuser mit dem Blick aus einem Apartment. „So weit oben war ich noch nie in Privaträumen,“ erzählt Heidi Specker, „ein filigranes Gefühl, das den Wunsch aufkommen lässt, sich zu erden und flach auf den Boden zu legen.“ Zu ebener Erde, im Mies-van-der-Rohe- Haus, reagiert wiederum ein bildender Künstler auf die Proportionen des Ortes: Norvin Leinewebers leicht geknickte oder gebogene Reliefs aus Marmorputz schaffen Raum mit minimalen Mitteln (Oberseestraße 60, bis 27. Januar, Di–So 11-17 Uhr). Jens Hinrichsen

PERFORMANCE

Sind so schöne

Stimmen

Das flämische Vokalensemble Capilla Flamenca tritt seit einigen Jahren sehr erfolgreich mit Liedern auf, die in Nordfrankreich und den Niederlanden im späten Mittelalter und der Renaissance entstanden sind. Jetzt sind sie mit der einstündigen Performance Who killed Cock Robin? in Berlin im Ballhaus Naunynstraße zu hören. Innig, mystisch, beseelt erfüllen die herrlichen Klänge der sechs Männerstimmen, begleitet auf Laute und Violine, den Saal. Es ist eine Reise in die musikalische Kultur der Ars Nova und der Zeit Karls V. Der helle klare Countertenor von Marnix de Cat ist berückend.

Das einzige Problem besteht darin: Die australische Regisseurin und Klangkünstlerin Joanna Dudley erfindet zur Dramatisierung der Musik die Geschichte eines kleinen Jungen hinzu, den sie selber spielt und der von den sechs Sängern auf eine Reise durch Wälder und über Ozeane mitgenommen wird (Videoinstallation: Samuel Dématraz). Die Gesänge werden immer wieder unterbrochen, damit Dudley mit künstlich dickem Bauch wie ein Roboter auf der Bühne herumwackeln oder irgendwo auf dem Boden herumkriechen kann. Ihre eigene schöne Stimme kommt nur in den seltenen Momenten zur Geltung, in denen sie das englische Kinderlied „Who killed Cock Robin“ anstimmt, an dem sich der Junge als einer Art rotem Faden festklammert. Dadurch zerfällt der Abend in eine großartige musikalische und eine völlig überflüssige szenische Hälfte. Udo Badelt

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