Kultur : KURZ & KRITISCH

Patrick Wildermann

MUSICAL

Leise rieseln

die Seifenblasen

Zwischen den Welterfolgen „Evita“ und „Cats“ Ende der 70er hat Andrew Lloyd Webber einen kleinen Liederzyklus komponiert: Tell Me On a Sunday – Bleib noch bis zum Sonntag. Es ist eine Solo- Show, die keine wirkliche Handlung hat, sondern von einer Stehauf-Frau erzählt, die sich in die falschen Männer verliebt. Andreas Gergen, der ehemalige Geschäftsführer des Schlosspark-Theaters, hat daraus eine leicht modernisierte Version für die Tribüne geschneidert (wieder 21., 22. und 25.–31. Dezember). Es ist die letzte Premiere, bevor im Januar Anna Langhoff die Leitung des Hauses übernimmt. Und die einzige, die vorerst im Repertoire bleiben soll.

Gut möglich, dass „Bleib noch bis zum Sonntag“ ein Renner wird – aber nicht dank der der Inszenierung. Gergen bebildert Frauenleid vor der Fototapete der New Yorker Skyline und lässt Seifenblasen rieseln, bevor am Ende rote Herzchenluftballons auf der Bühne aufsteigen. Aber dank der Hauptdarstellerin Katharine Mehrling wird der Abend ein Erlebnis. Den Berlinern ist sie bekannt aus Gergens famoser „Pinkelstadt“ am Schlosspark-Theater, aus „Cabaret“ in der Bar jeder Vernunft, als „Piaf“ an der Tribüne. Und sie trägt auch diese Revue mit Bravour. Die Hits wie „Freu dich bloß nicht zu früh“ sind einem in erster Linie durch die Interpretationen von Gitte Haenning geläufig, die auch gerührt im Premierenpublikum saß. Standing Ovations. Patrick Wildermann

POP

Lodernde

Leidenschaft

Die werden doch nicht etwa? Doch: Die Turin Brakes rocken! Nachdem sie die gut 300 Zuschauer im Café Zapata eine Dreiviertelstunde lang mit einigen der sonnigsten, melodieverliebtesten Popsongs eingelullt haben, die jemals außerhalb Kaliforniens entstanden sind, dröhnen plötzlich verzerrte Powerakkorde zu schwerem Bassgehämmer, entladen sich Rückkopplungen zu wuchtigen Trommelhieben. Das von der neuen Platte stammende „Ghost“ bleibt der heftigste Ausbruch aus dem gewohnten Klangschema der Turin Brakes, aber nicht der einzige. Auch die alten Hits der Londoner wie „Pain Killer“ oder „Underdog“ werden durch neue Ideen aufgefrischt, was vor allem Gale Paridjanian zu verdanken ist. Der hat gewaltig an seiner Gitarrentechnik gearbeitet und ritzt exquisite, originelle Solotexturen in die polierten Songoberflächen. Nebenbei entsteht so eine Balance zwischen ihm und Olly Knights, dessen schwärmerischer Gesang nach wie vor das Herz der Stücke bildet.

Aber das Verträumte, manchmal fast Behäbige früherer Auftritte ist der Spielfreude gewichen. Die Turin Brakes sind jetzt eine richtige Band, wozu die drei famosen Begleiter an Bass, Drums und Keyboards entscheidend beitragen. Das Publikum begeistert sich an der unerwarteten Dynamik und entlockt den gleichfalls euphorisierten Musikern drei epische Zugaben, mit einer herausragenden Version von „Emergency 72“, inklusive hitzeflimmerndem Flamenco-Intro. Aus dem wohltemperierten Pop der Turin Brakes lodert zwei Stunden lang ein Feuer der Leidenschaft. So macht Klimawandel Spaß. Jörg Wunder

KLASSIK

Ich bin

ganz Ohr

Mit einer Arie aus Bachs Kantate „Unser Mund sei voll Lachens“ wollte Thomas Quasthoff seinen Gastauftritt beim Weihnachtskonzert der Berliner Barock Solisten beginnen – doch dann musste der Sängerstar erkrankt absagen. Das Publikum in der voll besetzten Philharmonie konnte am Montag dennoch zufrieden lächeln, denn mit Michael Volle war ein nobler Ersatzmann eingesprungen. Klar und kraftvoll ist sein Bass-Bariton, dabei wendig genug für die heikelsten Verzierungen. In rhetorisch raffiniertem Predigerton gestaltet er die Bach-Arien und findet anschließend für Händel den rechten angelsächsisch-anglikanischen Ton, festlicher, prachtliebender, vom formidablen Trompeter Reinhard Friedrich mit Himmelstönen untermalt. Rainer Kussmauls Barock Solisten, eine Handvoll Freaks der Berliner Philharmoniker und ihre Freunde aus der Alte-Musik-Szene, praktizieren dazu die Kunst der wohltemperierten Klangrede, kombinieren auch bei Telemann und Pisendel historisch informiertes, pulsierendes Spiel mit philharmonischer Eleganz. Ein Vergnügen ganz allein fürs Ohr. Frederik Hanssen

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