Kultur : KURZ & KRITISCH

Carsten Niemann

KLASSIK

Seufzet,

frohlocket

„Mit dir will ich endlich schweben / Voller Freud“ singt leise der RIAS-Kammerchor – und es klingt gar nicht nach Freude. Muss es auch nicht. Denn völlig unerwartet wird der Chor noch leiser und noch intensiver – um dem Satz mit den abschließenden zwei Versen eine neue Wendung zu geben: „Ohne Zeit“, tönt es jetzt wie ein verhaltener Wunsch durch das Konzerthaus, „dort im andern Leben.“

Vielleicht hatte KammerchorChefdirigent Christoph Rademann sich vorgestellt, er könne Bachs gesamtem „Weihnachtsoratorium“ die Stärke seiner Choralinterpretationen verleihen. Doch es gibt da noch Bachs mitreißende Jubelchöre, die ihre Herkunft aus Huldigungskantaten für das sächsische Fürstenhaus nicht verleugnen - und die wollen offensiver gejauchzt und fohlockt werden, als es ihnen der Dirigent gestattet. So wird aus dem ehrgeizigen Interpretationsansatz ein emotional etwas zu verhaltener Weihnachtsabend mit nur vereinzelten starken Momenten.

Unter den technisch exquisiten Solisten gelingt es allein dem überragend natürlich deklamierenden Bass Roderick Williams, Rademanns dialektisches Konzept weiterzuführen: Elegant und ungewöhnlich glaubwürdig setzt er dem Trompetengeschmetter der Arie „Großer Held, o starker König“ die vertraulichen Worte „Liebster Heiland, o wie wenig achtest du der Erden Pracht“ entgegen. Wo sie Gelegenheit dazu bekommen, sorgen auch die Musiker der Akademie für Alte Musik für Glanzpunkte: Bukolisch in der Klangfarbe und umwerfend präzise in der Artikulation vereinen sich Oboen und Continuo zu einem Hirtenballett. Und erst der vollkommen mit Franziska Gottwalds Alt verschmelzende Ton der Traversflöte macht ihr ernstes Wiegenlied zu einer zärtlichen Liebeserklärung. Carsten Niemann

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