Kultur : KURZ & KRITISCH

Udo Badelt

KLASSIK

Sizilianische

Mamma

Lucia Aliberti zeigt sich hochgeschlossen und ganz in Schwarz in der Philharmonie, um mit dem Orchester der Neuen Philharmonie Westfalen unter Johannes Wildner Belcanto-Arien von Verdi, Bellini, Donizetti und Puccini zu singen. Vielleicht liegt es an ihrem verstorbenen Vater, dem sie das Konzert widmet, dass ihre Stimme traurig ist, ohne Fülle und Frische. Sie erreicht die Spitzentöne, aber welche Anstrengung scheint es sie zu kosten, mit welch schmerzverzerrtem Ausdruck schließt sie die Augen!

Sie zeigt eine Kraftleistung – doch beim Hochleistungssport verflüchtigt sich meist die Kunst. Bei den leisen Tönen fühlt sich Aliberti an diesem Abend mehr zu Hause: Die geraten ihr demütig, doch oft auch so fragil, dass man sie nicht hört, weil sie vom aufspielenden Orchester weggeschwemmt werden. Der Übergang in die Forte-Passagen gleicht eher einer krummen Treppe als einem organischen Anschwellen: ein Abend ohne Zauber und Inspiration. Die Liebe ihrer vielen Berliner Fans ist allerdings ungebrochen. Am Ende stehende Ovationen, die Lucia Aliberti wie eine strenge sizilianische Mamma entgegennimmt, ohne erkennbare Anteilnahme. Udo Badelt

POP

Kölsche

Jungs

Hat nicht jede Band den Traum, vor 10 000 Zuschauern die ganzen Seid-ihr- gut-drauf-Posen auszuprobieren? Für Beatplanet ging er vor kurzem in Erfüllung, als sie im Vorprogramm von Die Ärzte auftreten durften. Entsprechend resteuphorisiert wirken sie im Knaack. In Partylaune kloppen die Berliner ihr 45-minütiges Set aus aufgedrehten Beat-Ohrwürmern runter, die sich stilistisch nie über das Jahr 1970 hinauswagen. Angefeuert von den Chorgirls Uschi, Babsi und Gitti geben die fünf Jungs Vollgas und erreichen Solo-Bestwerte an Saxofon, Orgel und Gitarre.

Doch die gute Stimmung wissen Karpatenhund nicht zu nutzen. Die Kölner wirken verkrampft, auf zickende Technik reagieren sie dünnhäutig. Karpatenhund sind zu fünft und spielen melodiösen Deutschpop mit dünnem Mädchengesang. Für den ist Claire Oelkers zuständig, die wie ein Fremdkörper wirkt. Könnte daran liegen, dass die anderen vier mit Locas In Love noch eine zweite Gruppe haben, die sich am Weilheimer Sound orientiert. Mit Claire Oelkers haben Karpatenhund vermutlich größere Chancen, ihren Platz im erfolgreichen Deutschpop-Segment zwischen Juli und Wir sind Helden zu finden. Heute aber sind sie noch weit davon entfernt. Man darf bezweifeln, dass Die Ärzte anrufen. Jörg Wunder

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