Kultur : KURZ & KRITISCH

Christiane Peitz

KLASSIK

Wo Schafe

in die Irre gehen

Camilla Tilling hat eine großartige Stimme. Kate Royal hat mehr, sie hat Seele. Einmal wenigstens bei diesem transparenten, so gar nicht pompösen Messias verdichtet sich die von William Christie beschworene Spannung zum glücklichen Augenblick: Mit schimmernder Herzensglut fügt Royal in der Arie „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt“ das Unvereinbare zusammen: Weihnachtsbotschaft und Passionsgeschichte, Geburt und Tod, Hoffnung und Trauer. Die Berliner Philharmoniker lassen sich von so viel Innigkeit gern inspirieren.

Gern hätte man mehr von jenem Händel auch tatsächlich gehört, den Christie in der Philharmonie so energisch wie elegant dirigierte, mit weitgeöffneten Händen und geballter Faust: Der Barock- und Renaissance-Dirigent bekennt sich zum hybriden Bibel-Potpourri, das zwischen Oratorium, Oper und Volkston changiert, zwischen Tanz, Koloratur und der sanften Autorität des Chorals. Aber die Philharmoniker wirken vorweihnachtlich erschöpft, der schlanke, sportliche Ansatz des Chorus of Les Art Florissants lässt Strahlkraft vermissen und die übrigen Solisten (Mark Padmore, Konstantin Wolff und Countertenor Andreas Scholl) bescheiden sich mit sängerischer Redlichkeit. Wer den Pomp bei Händel streicht, müsste andere Auf- und Anregungen bieten. Zwar arbeitet Christie die Raumwirkungen und Stimmungsschwankungen von Händels Wechselbalg sorgfältig heraus, zwar laufen die Schafe im Chor „All we, like sheep“ herrlich leichtfüßig in die Irre, zwar blitzt hier und da Spielfreude auf. Aber dieser „Messias“ bleibt blass und zerfasert. Das „Hallelujah“: kein Gleißen, nur ein netter Lichtblick (noch einmal heute, 20 Uhr). Christiane Peitz

KLASSIK

Wenn Trunkenen

der Frühling blüht

Das Konzert mit einer Lyriklektion einzuleiten, hat im Fall von Gustav Mahler tiefere Bedeutung. Denn es gehört zum Wesen des Komponisten und seiner Musik, dass er sich ausgewählte Gedichte zum Vertonen anverwandelt. Das melancholische Lied „Wo die schönen Trompeten blasen“ kommt aus dem „Wunderhorn“-Titel „Unbeschreibliche Freude“.

Für eine Einführung in das „Lied von der Erde“ hat das Ensemble Oriol, das seit 20 Jahren erfolgreich im Experiment blüht, Ulrich Matthes gewonnen. Vergleichend gibt er eine Ahnung davon, wie das Material aus Bethges „Chinesischer Flöte“ das autobiografische Flair der Partitur annimmt. Wenn aus einem „Trinker“ bei Mahler „Der Trunkene im Frühling“ wird und aus zwei Gedichten eines, nämlich „Der Abschied“, fühlt der Hörer die Anziehung der Nachdichtungen mit. Vielleicht liegt ihre Aura darin, dass sie keine werktreuen Übersetzungen sind. Oriol spielen im Kammermusiksaal mit den Solisten Antigone Papoulkas und Martin Homrich eine Fassung, die von Schönberg initiiert und Rainer Riehn ausgeführt wurde. Sie klingt unter der eindringlichen Führung von Michael Sanderling, als habe die „Symphonie“ auf dem Weg zum Kammerorchester ein Stück von ihrem Heiligenschein verloren. Keine schlechte Lehre. Sybill Mahlke

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