Kultur : KURZ & KRITISCH

Volker Hagedorn

KLASSIK

Näher, mein Fagott,

zu Dir

Es ist schon kurios. Die Ensembles mit historischen Instrumenten werden immer romantischer; die modernen Orchester aber gewöhnen sich für Bach das Vibrato ab und rücken wie jetzt die Solisten des Deutschen Symphonie-Orchesters in der Dahlemer Jesus-Christus-Kirche teilweise mit Barockbögen an. Zusammen mit einer Garde moderner Bläser, deren Fagottist in Bachs Sinfonia F-Dur BWV 1046 a so wunderbar barock phrasierte, dass man sich wünschte, die streichenden Bässe täten es ihm nach. Auf die Sprache kommt es an, nicht auf die Darmsaite. Darum hatte sich das Ensemble als dirigierenden Sprachlehrer den Barockgeiger Andrew Manze eingeladen, der als Arrangeur den undogmatischen Klangmix ergänzte: Seine Bearbeitung des Contapunctus XVIII aus Bachs „Kunst der Fuge“ lässt neben Klarinetten auch Paukentremoli à la Stokowski zu. Erlaubt ist, was gekonnt wird. Insofern war ausgerechnet das prominenteste Werk des Abends problematisch. Dass die neun Solisten in Bachs 3. Brandenburgischem Konzert überhaupt einen Dirigenten brauchten, war umso fragwürdiger, als es im Ergebnis an Sicherheit in Rhythmik und Intonation, an kammermusikalischer Sensibilität fehlte.

Natürlich ist das Stück nicht zu schwer für solche Musiker – aber sie haben es darum wohl unterschätzt. Ein Trupp moderner Kampfstreicher mit High-Voltage-Vibrato hätte an ihrer Stelle Bach zwar plattgemacht, aber mit Drive und Schliff. Lieber lauschte man da der Klangerkundung, die Anton Webern an der sechsstimmigen Fuge aus dem „Musikalischen Opfer“ unternimmt. Hier war das Orchester mit sich identisch. Volker Hagedorn

KLASSIK

Ein Kosakenzipfel

vom großen Glück

Das Allerbeste am Anfang: Leos Janáceks Orchesterrhapsodie über den Kosakenführer „Taras Bulba“, vom Konzerthausorchester unter Peter Feranec gespielt, bietet kurz vor Weihnachten Brüchigkeit und einen in musikalische Erzählfetzen geradezu zerfallenden Blick auf ein ukrainisches Heldenleben. Andauernd lässt Janacek die frisch errichteten Klangflächen bersten; herbe Glocken und rissige Streichertöne wecken im ersten Satz aus dem selig-sanften Miteinander von Bläsern und Geigen auf, im zweiten stören die Streicher mit großer Heftigkeit die emsig vor sich hin prickelnde Harfe und die bedächtigen Liegetöne im hohen Holz.

Herzstück des Abends aber ist Bohuslav Martinus Konzert für Oboe und Orchester von 1955, eine Kreuzung von Bach’schem Solokonzert mit Mozart’schem Ton, die die Neue Zeit zusätzlich angekühlt hat, eindrücklich vor allem, weil hier der spanische Oboist Ramón Ortega Quero vorstellig wird: ein höchst intelligenter, fein phrasierender junger Mann, dessen Oboe englischhornartig weich klingt und der seine Töne schwingen lässt, als blase er nicht in Holz, sondern in elastisches Material. Gegen so viel Seltenes muss Tschaikowskys Fünfte am Schluss fast gewöhnlich wirken. Zwar nimmt das herrliche, von Weltwissen durchtränkte Hornsolo, in das die Klarinette einfällt, gleich anfangs sehr für sich ein, zwar beginnen die tiefer Streicher das Andante wie aus einer gräulichen Nebelsuppe emporsteigend, zwar spielt man den Walzer an dritter Stelle wie von ferne und durch einen Schleier, doch führt Feranec’ überlegenes, ans Lässige grenzendes Dirigat hie und da zu Längen. Dass die dramaturgische Spannungskurve gegen Ende ein wenig abfällt, mag hinwiederum weihnachtsvorbereitungstechnisch gesehen genau das Richtige sein. Christiane Tewinkel

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