Kultur : KURZ & KRITISCH

Christiane Peitz

KLASSIK

Lasset

die Herzen hüpfen

Was tun, wenn Bachs Weihnachtsoratorium die Nostalgiefalle droht? Achim Zimmermann steuert mit Tempo dagegen. Hatte die Berliner Singakademie 2006 unter Leitung ihres Chefs 2006 noch alle sechs Teile aufgeführt, währte der Sonntagabend in der Philharmonie mit den Teilen I-III und VI nur zwei kurze Stunden. Ein Oratorium der hüpfenden Herzen, geprägt von der fugierten Aufbruchstimmung des Chors „Lasset uns nun gehen“. Noch die Choräle durcheilt die Singakademie samt Kinder- und Jugendchor federnden Schritts. Keine Zeit für Frömmelei, hier ist Religionsausübung ein tätiges, heiteres Bemühen. Damit die Sache nicht zu sportlich wird, bleibt der Gesang bei aller Eile doch warmblütig und geschmeidig.

Ein Aquarell, kein Ölschinken: Das vorzüglich disponierte Kammerorchester Carl Philipp Emanuel Bach steuert eine duftige Sinfonia bei, auch die Solisten trumpfen nicht auf, sondern zeigen sich vom Teamgeist des Abends inspiriert. Die Sopranistin Brigitte Geller, mit grippebedingt blassen Spitzentönen, Altistin Annette Markert mit gelegentlich zu bebendem Timbre, Tenor Martin Petzold mit hörbarer Lust an den theatralisch-komischen Momenten seines Evangelisten und Jörg Gottschick als wendig parlierender Bass – auch sie bilden eine sympathische Solidargemeinschaft und betonen den sozialen Gestus der Weihnachtsbotschaft. Nicht der Erlöser wird hier begrüßt, sondern ein Freund und Helfer. Auch als das Solistenquartett „Was will der Hölle Schrecken nun“ am Ende garstig aus den Fugen gerät, reagiert Dirigent Zimmermann wieselflink und macht den Patzer mit einer fehlerfreien Wiederholung wett. Tod und Teufel: Man singt nur zweimal! Christiane Peitz

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben