Kultur : KURZ & KRITISCH

Christoph Funke

THEATER

Sie können

zueinander nicht kommen

Große Nähe führt zu unüberbrückbarer Entfernung. Eine junge Frau besucht ihre Großmutter im finnischen Grenzgebiet zu Russland, auf der Suche nach verschütteter, absichtsvoll vergessener Vergangenheit, vielleicht auch nach Vertrauen, Wärme. Aber die gemeinsamen Stunden vertröpfeln im Belanglosen, in widerspenstiger Abwehr. Es ist Weihnachten ohne Schnee und Kälte, bei ruhigem Wetter von plus null komma fünf windstill. So nennt die 1975 in Helsinki geborene Dramatikerin Maria Kilpi ihren zurückhaltend nüchternen, von Wetterprotokollen durchsetzten Bericht über die Begegnung zweier Menschen. Nora Schlocker hat den Text im Studio des Maxim-Gorki- Theaters inszeniert mit ein paar Holzbrettern über unterschiedlich tiefen Wasserpfützen. Nässe durchdringt und überzieht alles in diesem scheinbaren Tauwetter, das nur die beiden Frauen nicht erweicht. So lässt die Regisseurin das Mädchen (Julischka Eichel) und die Oma (Ruth Reinecke) in verstörend heftiger Abwehr aufeinandertreffen. Den geradezu verzweifelten Versuch, sich nicht preiszugeben und doch, mit einem Lächeln, Kontakt zu finden, spielen die Schauspielerinnen mit Härte und Genauigkeit. Umso schärfer, aufwühlend- verstörender tritt zutage, wie in ihrem Trotz, ihrer sturen Hingabe an das Eigene ein heißes Begehren steckt, endlich anders, aufrichtiger sein zu dürfen. Aber – alles ist vergeblich (wieder am 29. 12.). Christoph Funke

AUSSTELLUNG

Ornament und

Versprechen

Pharaos Mannen ertrinken im Roten Meer, während die Israeliten am rettenden Ufer stehen. Diese kostbar kolorierte Buchmalerei stammt aus keiner Bibel, sondern aus der persischen Weltgeschichte des Hafiz-i-Abru (ca. 1425). Moses umlodern goldene Flammen. Der Engländer Edmund de Unger hat Handschriften, Teppiche, Stoffe oder Metallgefäße aus dem islamischen Raum gesammelt. Als Dauerleihgabe werden 112 Objekte seiner weltberühmten „Keir-Collection“ künftig die Bestände des Museums für Islamische Kunst ergänzen. „Sammlerglück“ ist eine Art Pilotausstellung ohne Katalog und Begleittexte, wobei der pure ästhetische Glanz der Exponate fürs Erste vollauf genügt (Pergamonmuseum, Am Kupfergraben 5, bis 17.2., Mo.–So. 10–18 Uhr, Do. 10–22 Uhr). Die wissenschaftliche Auswertung der Kollektion wird Zeit in Anspruch nehmen. Da ist es nur verständlich, dass Erläuterungen zu Einzelstücken noch ausbleiben. Die Ornamentsprache auf Seidenbrokatstoffen der Türkei, auf versilberten Kästchen, Tintenfässern, Schalen und Krügen iranischer oder syrischer Provenienz, die im Westen als schmückendes Beiwerk galt, steckt voller Bedeutungen. Was es genau mit den Papageien und Pflanzenranken einer ägyptischen Bleikristallflasche auf sich hat (um 950 n. Chr.), wird später zu erfahren sein. Faszinierend anzuschauen ist der in Berliner Museen bisher unterrepräsentierte Werkstoff Bleikristall allemal. Betrachterglück! Jens Hinrichsen

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