Kultur : KURZ & KRITISCH

Christiane Peitz

KLASSIK

Verliebt, verrückt,

verführerisch

Brahms hilft gegen Blitzeis. Der kühle Strenge aus dem Norden? Von wegen. Wer kein Herz hat, dürfte es sich spätestens bei den funkensprühenden Liebesliederwalzern anders überlegen. Brahms, der Junggeselle, der fälschlich als menschen- und frauenscheu galt, zieht bei den Walzern op. 52 und den späteren, melancholischeren von op. 65 bereits bei den Seufzern alle Register. Kokette und verträumte, verführerische und verzweifelte, hingehauchte Sekund-Klagen und theatralische Quinten-Lamenti, ja ganze Girlanden von Glücks- und Unglücksbekundungen hat er in seine Miniaturen gewunden. Und das Solistenquartett im Kleinen Saal des Konzerthauses setzt sie mit Wonne in Szene.

Wenn Stimmen flirten und flirren – ein hinreißender Abend. Marlis Petersen mit ihrem gläsernen Sopran ist eine selbstbewusste Verführerin: spielt die Naive und steckt die Männer mit links in die Tasche. Stella Doufexis steuert mit dem Hexenzauber ihres samtigen Timbres eine tragische Note bei, Werner Güra würzt die Schmacht- und Schmalztexte Georg Friedrich Daumers mit Selbstironie, und Konrad Jarnots Bass markiert den zurückhaltenden, aber getreuen Frauenversteher. Und wenn sie im Quartett dem „kleinen, hübschen Vogel“ hinterhertirillieren oder einen Wutausbruch hinlegen über all die „giftigen“ Neider, möchte man auf der Stelle mit einstimmen.

Ach, die Liebe. Tändelei und Naturkatastrophe, ein Wahnsinn, eine Glückseligkeit, ein Heidenspaß. Wenn Werner Güra bei den „Fragen“ der „Drei Quartette“ op. 64 verliebt drauflosplappert und die übrigen drei ihn zur Raison rufen, sitzt allen der Schalk im Nacken – und Christoph Berner und Camillo Radicke am Klavier setzen noch eins drauf.

Brahms’ Quartettlieder sind, mit denselben Interpreten, kürzlich bei Harmonia Mundi auf CD erschienen. Also nur das Konzert zur Konserve? Ach was, auf der CD sind die Nuancen ausgefeilter, all die kleinen, feinen Spielereien mit Dynamik, Stimmung und Tempo. Live besticht das Temperament des Sängerteams. Mit Verve, mit unwiderstehlicher Lust und Laune trotzt es der draußen klirrenden Kälte. Christiane Peitz

STÄDTEBAU

Verslumt, verbaut,

verlockend

Mehr als 1,1 Milliarden Menschen leben in Indien. Die „größte Demokratie der Welt“, wie sich das Land gern bezeichnet, kennt keine zentralstaatliche Wirtschaftslenkung. Doch seit dem Fall aller protektionistischen Schranken entwickeln sich – nicht nur im „Silicon Valley“ von Bangalore – hochmoderne Industrien und Dienstleistungszentren, und mit ihnen auch ein kaufkräftiger Mittelstand. Problematisch sind die Mängel des Staatshandelns – Stichwort Bürokratie – gerade im Bereich der Stadtentwicklung. Noch ist Indien ein überwiegend dörflich strukturiertes Land; die Zahl der Zuwanderer in die Mega-Citys wird folglich noch auf unabsehbare Zeit hoch sein, so hoch, dass jede Planung daran verzweifeln müsste. Geheimnisvollerweise funktionieren die indischen Riesenstädte „trotzdem“.

Das aktuelle Heft von archplus, der „Zeitschrift für Architektur und Städtebau“ (Nr. 185, 14 €), widmet sich dem „Indischen Inselurbanismus“ und stellt die Vorgehensweisen gegenüber der Urbanisierung dar. Es gibt staatlich geförderte Großprojekte und seit 2006 auch Sonderwirtschaftszonen, die sich deutlich an fernöstlichen Vorbildern orientieren. Es gibt aber auch Versuche, die Slums, zumal in der 13-Millionen-Stadt Bombay, als Lebenswelten eigener Art in die Entwicklung einzubeziehen. Sie gelten gemeinhin als Schandflecken. Dabei wird die Selbstorganisation der Slums – die doch für zahllose Bewohner die Hoffnung auf sozialen Aufstieg darstellen – kaum je wahrgenommen. Der Text des Soziologen Mike Davis – man kennt seine Untersuchungen zu Los Angeles – ist arg untergangsdüster. Andere Beiträge widerlegen ihn, so der hoch informative Artikel von Martin Fuchs über den Bombayer Slum Dharavi „zwischen Fremdbestimmung und Selbstregierung“. Nachdem die Hochglanzzeitschrift „Geo“ jüngst in elegischem Abgesang auf die verschimmelnden Paläste Kalkuttas schwelgte, ist „archplus“ mit seinen farbfrohen Abbildungen von No- name-Architektur geradezu ein Quell des Optimismus. Bernhard Schulz

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