Kultur : KURZ & KRITISCH

Christoph Funke

THEATER

Mit Brecht

in die Kirche

Da ist er wieder, in mildem Lichte – Jakob Apfelböck, der Elternmörder. Und mit ihm treten hervor der wüste Baal, zwischen Schnapsbudike, Dom und Spital dahintrottend, oder die Mahagonny-Eroberer, „mitten im Whisky“ von Gott besucht. Und auch die Abenteurer, Seeräuber, Soldaten, die verführten und ertrunkenen Mädchen stellen sich ein. In der Hauspostille von Bertolt Brecht sind sie versammelt, unter der blühenden Wolke der Marie A., dem strahlenden Azur des Piratenhimmels oder dem Mond von Alabama. Brecht begann die Arbeit an seiner frühesten lyrischen Sammlung 1916 mit 18 Jahren und schloss sie 1925 ab, der erste Druck erschien ein Jahr später. Angeregt wurde der junge Dichter dabei von keinem Geringeren als Martin Luther („Haußpostil,“, seit 1544 nachweisbar). Also ging das Berliner Ensemble mit seinem Brecht-Abend folgerichtig in die Kirche. Nicht in irgendeine, sondern in die 1835 eingeweihte, von Karl Friedrich Schinkel entworfene und errichtete St.-Elisabeth-Kirche in Berlin-Mitte (Invalidenstraße 3, wieder am 15. 1. und 6. 2.).

Das 1945 bis auf die Umfassungsmauern zerstörte Gotteshaus lag mehr als vier Jahrzehnte in Trümmern, erst nach 1989 begann die mühsame, noch längst nicht abgeschlossene Wiederherstellung. Hermann Beil stimmt sein Ensemble (Carmen-Maja Antoni, Christina Drechsler, Roman Kaminski, Uli Pleßmann, Michael Rothmann) auf den besonderen Raum mit den rohen Ziegelwänden ein – die schwarzgekleideten Damen und Herren beginnen liturgisch diszipliniert, verkünden Botschaften, in denen das religiös Parodistische von Achtung grundiert ist, finden dann mehr und mehr auch zum Spiel, das aber immer gebändigt bleibt, sehr überlegt, blitzgescheit. Eine Haltung zum Leben blüht auf, geprägt von Lust und Neugier, vom Anspruch auf Gerechtigkeit und dem Drang, in die Weite zu kommen, alle Himmel und Höllen zu erobern. Das Ensemble, einfühlsam begleitet von Alfons Nowacki am Harmonium, kostete die Sinnlichkeit der Texte und Lieder mit all ihren Schmerzen, Leiden und Sehnsüchten bis zur Neige aus. Christoph Funke

KLASSIK

Die Stunde

des Bratschers

Was man von Konzerten fürs Leben lernen kann! Zum Beispiel, dass es manchmal schöner ist, nicht alles zu sagen – eben nicht, wie es das Belcea Quartett mit Schuberts postum veröffentlichtem Streichquartett G-Dur im Konzerthaus nun tut, mit aller Kraft, Brillanz und Offenheit draufloszulegen. Corina Belcea-Fisher ist zwar eine echte Primgeigerin, mit hohem, fast scharfem Ton, der Antoine Lederlin am Cello ein oft kühles Timbre entgegensetzt. Krzysztof Chorzelski (Bratsche) vermittelt auf überwache, geradezu pädagogische Art, und Laura Samuel spielt eine quicke, selbstbewusste zweite Geige. Aber wie soll man berührt sein – vielleicht wie Adorno es meinte, als er sagte, dass man bei Schubert weinen müsse, „weil wir so noch nicht sind, wie jene Musik es verspricht“ –, wenn das Quartett loskracht und schon dem ersten Satz alle Süße entzieht? Wenn es das Andante lebensvoll spielt, die vielen Repetitionen im Scherzo dagegen hohl vorüberziehen lässt?

Erhaben, ja rabiat wird das Allegro assai sich auftürmen, letzter Satz eines Programms, das mit Haydns op. 77 gleich eingangs aufhorchen lässt – weil etwa das weit ausgreifende Thema des Adagio zwar eiskalt vorgestellt, aber nach und nach herrlich angewärmt wird – und auch mit Weberns op. 5 starke Eindrücke setzt. Im zweiten Satz schlägt hier des Bratschers Stunde, mit zarten Strichen und im „sehr bewegt“ des spröden dritten Satzes findet das Quartett einen perfekten Spiegel für seine Intelligenz und Virtuosität. Christiane Tewinkel

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