Kultur : KURZ & KRITISCH

Volker Lüke

POP

Zeigen,

wo’s langgeht

Quietschen, Kreischen, Knurren, Jaulen – weibliche Teenagergeräusche durchsieben die Luft, während die Jolly Goods Hand in Hand durch ein selbstgeschaffenes Gewitter spazieren. „Mein Rock’n’Roll ist bestimmt nicht dein Rock’n’Roll“, sagen die beiden Schwestern aus Rimbach, einem kleinen Kaff im Odenwald, wo es nichts besseres zu tun gibt, als sich die Haare wachsen zu lassen, bis sie lang genug sind, um sie im Rhythmus der Musik nach vorn zu werfen. Dabei haben es die beiden Radauschwestern Tanja Pippi (19) und Angy (16) bereits ins Vorprogramm von Adam Green geschafft, der gleich behauptete, sie seien besser als die White Stripes. Ende November ist ihr Debütalbum „her.barium“ auf Louisville erschienen, dreizehn Songs, die sich der Unerträglichkeit des Lebens in der Provinz annehmen, um sie in Energie und Stärke zu kanalisieren, darunter die grandiose Single „Girl move away from here“, die allen zeigt, wo’s langgeht, und die Tanja Pippis Umzug nach Berlin dokumentiert.

Auch ihr Konzert im Roten Salon ist ein vergnügter, rachsüchtiger Riot-Grrrl- Ausbruch, der mit „Crackin’ up“ von The Jesus And Mary Chain beginnt und das Erbe des Grungerock in kurze, knallige Stücke schnetzelt. Aus wildem Gedresche findet das Duo einen Beat, schafft einen Rhythmus und beginnt ihn zu formen, bis er sich selbstständig macht und einbricht in eine Lärmsession aus schrägen Gitarren, krachendem Schlagzeug und einer Stimme, die mehr schreit als singt. Mittendrin springt die Schlagzeugerin für eine bestürzende Solonummer ans Klavier. Sie gehen keinem musikalischen Wagnis aus dem Weg – dabei ist für diese Mädchen schon der einfachste Akkord ein Wagnis. Giftig, sperrig und herzerfrischend unverfälscht – so sind die Jolly Goods. Über ihre Musik sprechen sie allerdings nur ungern: „Lieber male ich mir Knochen auf die Arme, bis wir auf die Bühne können. Der einzige Platz, an dem ich merke, was ich hier eigentlich soll. Und die einzigen 30 Minuten des Tages, die einzigen 30 Minuten der Welt“, hat Tanja Pippi einmal vor einem Konzert gesagt. Diesmal hat es sogar 40 Minuten gedauert. Sie steigern sich also noch. Volker Lüke

KLASSIK

Spielen,

wie’s sein soll

Dieser Abend ist Balsam fürs musikalische Gemüt: Der große Bernard Haitink und die Berliner Philharmoniker bilden eine vollkommene harmonische Einheit, die alle Enttäuschungen einer leeren, verschärften Konkurrenz geschuldeten Brillanz vergessen macht. Ein entspannteres, glücklicheres Musizieren wurde selten erlebt.

Zunächst formt der Dirigent mit unendlicher Behutsamkeit Bachs „Ricercare a sei“ aus dem „Musikalischen Opfer“ in Anton Weberns Orchesterfassung als Forschungsreise der Klänge, die sich von den ersten Posaunen- und Flötenstößen des in solistischen Extremen aufgespaltenen Themas bis zu erstaunlich romantischer Fülle erstreckt. Transparente Farbigkeit, die das „Schicksal“ jedes einzelnen Motivs in äußerster Klarheit nachzeichnet, stellt auch bei Alban Bergs Violinkonzert die engen Traditionsbezüge der Zwölftönigkeit heraus. So entwickelt der Solist Frank Peter Zimmermann seinen Solopart so eng in den schillernd wogenden, auch bei höchster Dramatik nie aggressiven Orchesterklang eingewoben, dass Konzertmeister Guy Braunstein in Konkurrenz zu seinem leuchtenden Geigenton treten darf. Doch die Interpretation von Schuberts „großer“ C-Dur-Sinfonie fegt alle diese Eindrücke beiseite: Überwältigend hier das Erlebnis eines gelösten und doch hoch konzentrierten Musizierens, das keiner verdeutlichenden Übertreibungen oder „interessanten Ansätze“ bedarf. Schuberts Musik fließt dahin wie das Bächlein in seinen „Müllerliedern“, stets vom „Wandererpuls“ bestimmt, entwickelt faszinierend organisch und doch zielgenau ein Motiv aus dem anderen. Längen, selbst „himmlische“, gibt es trotz Haitinks maßvoller Tempi nicht.

So müssen die Kopfsatz-Repetitionen nicht hektisch werden, lebt das „Rossini“-Brio des Finales aus filigraner Genauigkeit der Streichertriolen. Wie geschmeidige Klangschönheit hier auf dem Einsatz des Einzelnen beruht, würdigt auch der Jubel in der Philharmonie – Begeisterungsstürme etwa für Albrecht Mayer, der dem Andante mit biegsamem Oboensolo melancholischen Glanz verleiht. Isabel Herzfeld

Bernard Haitink, 1929 geboren, leitete 1961-79 das Concertgebouworkest

Amsterdam, 2002-04

die Staatskapelle

Dresden. Seit 2006 leitet er das Chicago

Symphony Orchestra.

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