Kultur : KURZ & KRITISCH

Dorte Eilers

KLASSIK

Aufstände und

Abgründe

Eigentlich hätte das Konzerthausorchester unter Eliahu Inbal jetzt in ein furioses Finale starten müssen mit heroischem Gestus und glühendem Dur – der Triumph nach langem Kampf. Stattdessen jedoch: Kanonendonner, Schlachtengetümmel und erneutes Kriegsgeheul. Dimitri Schostakowitsch nannte seine 11. Sinfonie „Das Jahr 1905“, dachte aber ebenso an das Entstehungsjahr 1956/57 und klammerte damit provokant zwei blutige Ereignisse: Die ersten Demonstrationen im Vorfeld der Russischen Revolution und den gegen sein Heimatland gerichteten Aufstand in Ungarn. Es ist eine Sinfonie, die alles andere will als zu glorifizieren. Doppelbödig wird hier Geschichte als sich wiederholendes Unheil erzählt: Immer wieder wird ein Volk sich erheben, „weil der Kelch der Missetaten übergelaufen ist“, so der Komponist.

Deshalb lässt Eliahu Inbal den vierten Satz ebenso gespenstisch und brutal klingen wie den ersten – ein desillusionierender Zirkelschluss. Die Musik ist dabei mit ihren martialischen Rhythmen, lyrischen Klagen und Revolutionsliedzitaten derart plastisch, dass der ehemalige Chefdirigent des Konzerthausorchesters (das damals noch Berliner Sinfonie-Orchester hieß) zu Recht sich bemüht, nicht in bombastisches Blendwerk abzurutschen. Das führt anfangs zu Spannungsverlust, dann aber jedoch auch zu gestochener Schärfe und Härte.

Ernest Bloch schrieb seine Hebräische Rhapsodie „Schelomo“ für Cello und Orchester 1916 und konfrontierte damit den biblischen Seher Salomon mit dem 1. Weltkrieg. Eine irisierende Musik entstand, die die Solistin Jing Zhao und das Orchester im Konzertrhaus am Gendarmenmarkt ebenso schillernd wie grüblerisch darbieten. So mag es klingen, wenn biblische Verheißungen auf menschliche Abgründe treffen. Dorte Eilers

FOLK

Polka,

polyglott

Als es noch einen Senatsrockwettbewerb gab, wurde diese Institution des Westberliner Kulturbiotops 1989 von Poems For Laila gewonnen. Damals schien das quirlige Folk-Trüppchen zu lokalen Popgrößen wie Element Of Crime oder den Rainbirds aufschließen zu können. Dazu kam es dann doch nicht, Poems For Laila blieben ein studentischer Geheimtipp. Immerhin gibt es sie noch, auch wenn Sänger und Gitarrist Nikolai Tomás die einzige personelle Konstante ist.

Mit Bassist Michael Paucker und Drummer Jan Peter Eckelmann hat er sich zwei routinierte Begleiter gesucht, die die nötige Standfestigkeit für kilometerfressende Touren durch die deutsche Provinz aufbringen. Im Frannz fühlen sich die drei vor gut gelauntem Publikum sichtlich zuhause. Tomás strahlt eine würdevolle Rock-Verlebtheit aus, seine launischen Kommentare sind mit feiner Selbstironie bestäubt. Man merkt, dass sich Poems For Laila, die bei einigen Stücken von der aus Kasachstan stammenden Sängerin Dascha Berdyugina unterstützt werden, musikalisch weiterentwickelt haben.

Die neuen Songs sind ambitionierte, gemütsverschattete Deutschpop-Balladen, von Tomás mit verrauchtem Bariton und einer an Herbert Grönemeyer erinnernden Intonation vorgetragen. Aber die meisten der Anwesenden scheinen die Band schon seit ihren Anfangstagen zu kennen. So werden die alten, dank zeitgenössischer Balkanpop-Mode wieder ziemlich aktuell klingenden Folk-Stampfer wie „Tina“, „Doscyk, Doscyk“ oder „Russian Billy“ am heftigsten bejubelt. Als polyglotte Polkakapelle mit melancholischer Grundierung wären Poems For Laila auch in einem Kaurismäki-Film keine Fehlbesetzung. Jörg Wunder

OPER

Die Kraft

der Alten

Iphigenie opfert wieder. Im April des vergangenen Jahres rüttelte Christoph Willibald Glucks Tragödie um die auf der Insel Tauris zum rituellen Serienmord gezwungene Priesterin die Berliner Opernfans auf. Regisseur Barrie Kosky überraschte an der Komischen Oper mit einer Deutung voller drastischer Bilden in einem packenden Erzählfluss von ununterbrochener Kinolänge.

Inzwischen ist Berlin um eine wichtige Erfahrung mit Gluck weiter. Aus dem Vergleich mit Lothar Zagroseks programmatischer, szenisch reduzierter Trilogie der frühen Gluckschen Reformopern, die im letzten Herbst mit dem Konzerthausorchester am Gendarmenarkt stattfand, geht diese Iphigenie auf Tauris der Komischen Oper bei ihrer Wiederaufnahme nicht völlig unbeschadet hervor. Die energische Präsenz des von Paul Goodwin geleiteten Orchesters und die Einsatzbereitschaft der beiden, buchstäblich mit heruntergelassenen Hosen singenden Opfer Orest (Mirko Janiska) und Pylades (Peter Lodahl) machen die höhere musikalische Differenzierungskunst Zagroseks und seiner Solisten zwar oft wett. Dennoch: Der Mut, sich wie Gluck „unzerteilt in jeden seiner Charaktere“ und damit auch in die Täter zu legen, fehlt der Produktion - und lässt so manches starke Bild im Nachhinein schal werden. Es genügt nicht, König Thoas als stimmgewaltigen Diktator und seine Milizen als stiernackige Brutalos wie aus einem Abu Graib-Video darzustellen. Die aus den Medien geborgten Bilder verbrauchen sich bald und erzeugen im Gegensatz zu Glucks lustvoll gewalttätiger Janitscharenmusik dabei eine allzu wohlfeile Distanz des Abscheus.

Stark ist die Szene dagegen dort, wo sie sich auf Bilder verlässt, um welche Medien und Zuschauer einen Bogen machen: Die als alte halbnackte Menschen dargestellten, in einer Person Trost und Schrecken verbreitenden Eumeniden könnten die Zuschauer tatsächlich auch über die Spielzeit hinaus berühren und verfolgen. Carsten Niemann

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