Kultur : KURZ & KRITISCH

H.P. Daniels

POP

Auf der Straße

der Erinnerung

Auf der kleinen Bühne des Tacheles sieht Michael J. Sheehy aus wie aus der Zeit gefallen, und der Umgebung. Wie ein dubioser Bestattungsunternehmer, eine Figur aus einem Stück von Brecht: schwarzer Schlotteranzug, Weste, offenes Hemd, unter dem ein großes Goldkreuz an einer Kette baumelt, auf dem kahlen Kopf eine schräge Melone. Und als elektrisierender Kontrast dazu eine weiße GibsonFirebird-Gitarre. Schwere Blues-Akkorde, „Ain’t Nobody’s Fault But Mine“, ein alter Song von Blind Willie Johnson. Dann sanftes Fingerpicking auf der E-Gitarre und melancholisch tiefer Gesang. Samtige Weichheit und raues Kratzen. „Oh how I curse the day I first heard her name.“ Verunglückte Liebe, Sünden und Reue, Geschichten von blutigen Nasen, Trunkenheit, Straßen der Erinnerung, Aufbrüchen aus traurigen Städten, Heimatlosigkeit und irrwitzigen Verwicklungen im täglichen Leben. Das sind auch die Themen der hervorragenden Songs von Sheehys neuem Album „Ghost On The Motorway“, die im Konzert noch an Eindringlichkeit gewinnen. Im inspirierten Zusammenspiel mit exzellenten Mitmusikern: Kaum sichtbar sitzen in der zweiten Reihe Organist, Drummer, Banjospieler, während vorne eine tänzelnde Bassistin und die Sängerin Mary Epworth, die schon das kurzweilige Vorprogramm bestritten hat, Sheehy als Blickfang flankieren und akustisch bereichern. Die Musik des 35-jährigen Engländers, geprägt von den Wurzeln seiner irisch-katholischen Arbeiterfamilie aus dem Norden Londons, aber mehr noch von seiner Vorliebe für die musikalischen Traditionen der USA, ist so anders als die seiner englischen Brit-Pop-Altersgenossen, und vielleicht gerade deshalb besonders betörend. Michael J. Sheehy ist eine große Entdeckung. H.P. Daniels

KLASSIK

Hier plaudert

der Star

Das ist Berlin: Im Radialsystem gibt es ein neues Format, ein Experiment, keiner weiß, ob es funktioniert. Doch der Saal platzt aus allen Nähten, mehr als 300 Besucher jeden Alters wollen beim ersten Nachmittagssalon von Annette Dasch dabei sein. Das Konzept des Radialsystems, mit neuen Vermittlungsformen neue Besucherschichten für die anspruchsvolle Musik zu erschließen, ist wieder einmal aufgegangen. Dasch, Jahrgang 1976 und in Berlin zuletzt als Donna Elvira an der Staatsoper zu hören, will in ihrem „Dasch-Salon“ das tun, „was mir wirklich am Herzen liegt, nämlich ungezwungen musizieren, ohne glamourös sein zu müssen“. In der Tradition der musikalischen Salons sind Wort und Musik gleichberechtigt. Dasch lädt Kollegen ein, auf der Couch Platz zu nehmen, übers deutsche Kunstlied zu plaudern und zu singen (am Klavier: Schwester Katrin Dasch). Intim wie in den Salons des 19. Jahrhunderts ist die Atmosphäre bei 300 Besuchern natürlich nicht mehr. Entsprechend aufgeregt ist Dasch. Es liegen eben doch Welten zwischen Gesang und Moderation. Als Roman Trekel seine fünf Lieder aus der „Winterreise“ beendet hat, lässt sie ihn mehr oder weniger in der Luft hängen. Doch wenn Dasch selbst singt, ist das alles vergessen. Warm und frisch, mit geheimnisvollem dunklem Kern strömt ihr Sopran dahin. In solchen Momenten scheint die ganze Veranstaltung nur dazu da zu sein, den Rahmen für ihre Stimme abzugeben. Mojca Erdmann, die mit ihrem fast überirdisch hohen Sopran Lieder von Aribert Reiman singt, ist ihr ebenbürtig. Die Besucher trampeln begeistert mit den Füßen. Nur schade, dass sie bis zum nächsten Salon am 20. April so lange warten müssen. Udo Badelt

KLASSIK

Hier sprudelt

das Holz

„Anmutige Wesen der Luft“, nannte Robert Schumann die Peris, engelgleiche Zwitterwesen, von denen sein Oratorium Das Paradies und die Peri erzählt. Das Deutsche Symphonie Orchester unter Ingo Metzmacher, der Rundfunkchor Berlin und sechs Solisten wenden sich dem zwischen Morgenland und romantischer Religiosität lavierenden Musikmärchen in der Philharmonie zu. Vor allem Mitwirkenden wie Werner Güra ist es zu verdanken, dass die Erzählung Gestalt annimmt – zu fremd wirkt zunächst die Idee einer aus dem Paradies Verstoßenen, die für ihre Erlösung den Blutstropfen eines Helden vorweisen muss, den Seufzer eines liebenden Mädchens und am Ende die Träne eines reuigen Verbrechers. Güra aber schildert die Suche der Peri nach jener Braut, die sich um ihren kranken Geliebten kümmert, ihr „wallend Haar im Teiche netzt, dass es die Stirn ihm kühlend nässt“ und dem Sterbenden schließlich einen Kuss gibt, der auch ihr selbst den Tod bringt, mit so liedheller, klarer Diktion, dass man versucht ist, über das Urteil hinwegzusehen, das Stück sei nichts als gute Musik zu einem skurrilen Text, und sich an Schumann zu erinnern, der darin seine beste Arbeit sah. Das DSO glänzt mit weichem Streicherklang und sorgfältig hergestellten Effekten, sprudelndem Holz, elegant orientalisierendem Schlagwerk, als es um die Gewässer des Nils geht – oder fahlem Ächzen, das die Binnenerzählung von Liebe, Krankheit und Tod umgibt. Stella Doufexis stellt mit kühl-kraftvoller Stimme alle für den Eintritt ins Himmelreich notwendigen Aufgaben, Marlis Petersen verleiht der Peri ein knabenhelles, irisierendes Timbre. Christiane Tewinkel

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