Kultur : KURZ & KRITISCH

Andreas Schäfer

THEATER

Arme hoch,

Beine runter

Clemens Schick, markantes Gesicht unter kurzem gescheiteltem Haar, der 2006 bei James Bond mitspielte und in Tschechows „Drei Schwestern“ an der Schaubühne zu sehen war – wie er als Stabshauptmann Soljony über die Bühne schnürte, äußerlich kontrolliert, aber mit so großer Wut im Bauch, dass man fürchtete, er könnte explodieren; dieser Schick also tobt wieder auf einer Berliner Bühne und gibt in den Sophiensälen Bill Gates in Mathias Greffraths Monolog Windows (wieder heute und morgen). Dieses Mal steht Schick nicht kurz davor – dieses Mal explodiert er tatsächlich.

Bei Greffrath ist Bill Gates ein Spielkind mit hemmungslosem Ehrgeiz, das die Stationen seines Werdegangs vorträgt und das Mantra seines Erfolges singt: Verlinkung. Nichts erfinden, sondern was da ist, neu verbinden! Jetzt wohnt er zwar mit Frau Melinda und Tochter in einer 200-Millionen-Villa, sitzt aber eigentlich immer noch am Pult des Klassenstrebers und rastet aus, wenn die Lehrerin nicht will wie er.

An diesem Punkt verlinkt sich Schick mit Gates, denn auch Schick ist gefangen – in der Blase seiner Selbstliebe. Schick ist ein großartiger Szenenimaginierer, blitzschneller Figurenswitcher. Und er ist so eitel, dass er seinen durchtrainierten Körper über den blauen Teppich schiebt wie über einen Catwalk. Schick skizziert mit ausgreifenden Armbewegungen nicht nur Orte, Personen und Gegenstände, sondern liebkost den Auraumriss seiner selbst. Toll. Und etwas unheimlich. Zum Glück gibt es Thomas Bernhard. Von dem leiht Schick sich den Überspitzungsfuror und bringt in einem Schlussspurt unter Zuhilfenahme von Melindas Brust, einem gierigen Reh und einem cancantanzenden afrikanischem Kind nicht nur Gates virtuelle Welt, sondern auch den eigenen Spiegelkosmos zum Platzen. Nach einer Stunde zwanzig Minuten und kurz bevor seine Kraftkunst unangenehm werden könnte. Andreas Schäfer

ROCK

Bläser runter,

Geige rauf

Langsam trudeln die Gäste ein. Wie auf einer Party. Gefeiert wird das Erscheinen von „Spielmann“ (Indigo), des neuen Albums von Lüül. Jungshaft, trotz seiner 55 Jahre, steht er auf der Bühne der Kulturbrauerei: Lüül, der eigentlich Lutz Ulbrich heißt, aus Berlin Eichkamp stammt, aber in den letzten 35 Jahren zum modernen Troubadour geworden ist, zum musikalischen Weltreisenden, zunächst mit der Avantgarde-Band Agitation Free, später mit Ash Ra Tempel und schließlich als Banjospieler der 17 Hippies. Dann auch als Solo-Barde oder mit seiner Lüül-Band. „Verrückte Frauen“ ist der erste Song des Abends und des neuen Albums. Fröhliche Polka mit Plickerbanjo, rasendem Akkordeon, Kontrabass, Percussions und schmetterndem Blech. Trompete, Posaune, Saxofon. Dann geht es Schlag auf Schlag: Bläser runter, Geige rauf und Stehschlagzeuger. Percussions runter, rauf der Mann mit dem ausgefallenen Instrumentarium: Maultrommel, beklopfte Dobro und andere klingende Exotika. Wild mischt Lüül musikalische Stile: Volks- und Popmusik unterschiedlichster Spielarten und Provenienzen. Slawische, orientalische, deutsche und amerikanische Melodien. Klezmer, Cajun, Country. Eine fröhliche Musik als trefflicher Ausdruck von Lüüls sonnigem Gemüt. Auch seine tagebuchartigen, manchmal naiven Texte strahlen von entwaffnend positiver Energie. Selbst ein Raubüberfall in Mexiko wendet sich nachträglich in ein lustig tanzbares Vergnügen. H.P. Daniels

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