Kultur : KURZ & KRITISCH

Christine Lemke-Matwey

KLASSIK I

Wenn der Dirigent

die Haare schüttelt

Was ist dieser Mann sympathisch! Schäkert in Mozarts Sinfonia concertante KV 364 über die linke Schulter mit dem jungen Geiger Daishin Kashimoto, huscht mit gesenktem Kopf zwischen den Musikern hin und her und hätte den Blumenstrauß am Ende, nach Brahms' Erster, wohl am liebsten zu gleichen Teilen ins Orchester und in den Saal geworfen: Carl St. Clair, US-Amerikaner, derzeit noch in Weimar und beim Pacific Symphony Orchestra tätig und ab Herbst Generalmusikdirektor an der Komischen Oper. Ein Ausdrucksmusiker mit erklärtem Hang zum Zeitgenössischen, ein Ekstatiker, bei dem das Hinschauen bisweilen schwer fällt: Wenn die silbergraue Vokuhila-Frisur nur so durch die Lüfte rüttelt, wenn St. Clair in die Knie geht, als gelte es, nicht den Stab, sondern den Colt zu ziehen.

Mozart und Brahms also, Nagelprobe und Zugeständnis. Wiewohl das Orchester des Hauses zur Sinfonia concertante in kleiner Besetzung antritt, vermisst man jenes klare Licht, mit dem St. Clairs Vorgänger Kirill Petrenko seinen Mozart auszuleuchten verstand. Das ist alles freundlich-musikantisch gespielt, aber anders auch nicht. Bedenken also vor Brahms – und Erleichterung: Die Musiker mögen ihren neuen Chef und lassen sich von ihm vor allem in den dramatischen Steigerungen der Ecksätze entzünden, ja zu innigem Gesang anstiften. An den Übergängen hingegen hapert es, überhaupt scheint St. Clair nicht eben ein geborener Leichtfuß zu sein. Zeit und Gelegenheit, sich künstlerisch zu überprüfen, wird er an der Behrenstraße zweifellos finden. Christine Lemke-Matwey

KLASSIK II

Wenn der Klarinettist

die Kontrolle behält

Dionysische Rauschzustände hervorzurufen, ist nicht Sache des Finsterbusch-Trios. Kein ausdruckshaft existenzielles Zittern der Instrumente unter übergroßem Ansturm der Gefühle, keine ekstatischen Verschmelzungen. Auch an diesem Abend im Konzerthaus wird es stets licht und luftig zugehen, klug Linie um Linie berechnet werden. Selbst in Max Regers a-moll-Trio, das mozartisch anmutende Perioden wie unter Drogeneinfluss verzerrt, sind sich Geige (Andreas Finsterbusch), Bratsche (Christoph Starke) und Cello (Christoph Bachmann) in ihrem schnellen Bogenstrich einig. Dass die drei Musiker bei aller Klangschönheit verweigern, was man „romantische Streicherintensität“ nennt, macht die Finsterbuschs zu idealen Interpreten von Frank Martins sprödem Trios von 1936. Erst ihre Absage an wohlfeile Dauervibrati bringt die ureigenste Klangsinnlichkeit dieses Werkes zum Vorschein.

In Brahms’ zweiter Klarinettensonate sucht auch Ralf Forster, Soloklarinettist des Konzerthausorchesters, die kleine Figur statt der großen Pose. Doch wünscht man seinem Ton, er möge aus seiner Kontrolliertheit ausbrechen. Brahms zuliebe. Auch Angela Gassenhuber am Klavier lässt sich kaum vom Eigengewicht der Akkorde in Schwingung bringen. Besser gelingt ihr das im Zusammenspiel mit dem Fagottisten Michael von Schönermark in der sachlichen „Sarabande et Cortège“ von Henri Dutilleux von 1942. Ein nicht immer glut-, doch äußerst geistvoller Abend.Matthias Nöther

NEUE MUSIK

Wenn sich die Posaune

zum Schrei hochwindet

Mit einem Paukenschlag beginnt Ultraschall: Für sein Orchesterwerk Ressac hat der 40-jährige Chinese Chengbi An alles an instrumentalen Attraktionen aufgefahren: gleißende Blechbläserattacken, feine Violingespinste, knurrende Kontrabässe, metallisch klirrendes Schlagwerk. Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Lucas Vis nimmt sich dieser Uraufführung mit Akribie an. Auch wenn das Radialsystem unter dieser Klanggewalt erzittert – letztlich läuft sie ins Leere. Der Schwerpunkt dieses Festivalauftakts liegt bei Giacinto Scelsi, dessen 20. Todestags gedacht wird. Der geheimnisumwitterte Italiener erscheint auch hier widersprüchlich: von strenger Erfindungskraft in den „Quattro pezzi su una nota sola“ (1959), die den Unisono-Klang aufspannen und zusammenziehen; frei schweifend in der 16 Jahre zuvor entstandenen „Ballata“ für Violoncello und Orchester.

In Dreiklangkaskaden rennt Frances-Marie Uitti gegen steil aufgetürmte Akkordwände des Orchesters an, richtet ihre Energie auf immer neue, überraschende Ziele. In „il suono e il tacere“ zeigt sich auch Landsmann Salvatore Sciarrino von eindringlicher Originalität: zum Herzpuls der sachten Pauke ergehen sich skurrile Paarungen etwa von Trompete und Violine, druckvoll ächzender Bratsche und gestopfter Posaune in wimmernden,aufstöhnenden, nur selten im vollen Klang aufschreienden Windungen. Dagegen kann Stefano Scodanibbio im Auftragswerk „Vanishing places“ Claudio Monteverdis Originalmaterial trotz raffinierter Verfremdungen keinen eigenen Ton abgewinnen. Isabel Herzfeld

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