Kultur : KURZ & KRITISCH

Sybill Mahlke

KLASSIK

Reise

in die Unterwelt

Der Generalmusikdirektor als Poet am Klavier: In stolzer Selbstbescheidung ist Daniel Barenboim Publikumsmagnet genug, um die Staatsoper Unter den Linden auch allein, ohne Sänger, ohne Orchester, mit seinen Fans zu füllen. Bis auf die Bühne umgeben sie den Pianisten, der ihnen ein anspruchsvolles Liszt-Recital beschert. Die CD mit dem Live-Mitschnitt aus Mailand liegt vor, und so harrt eine breite Menschenschlange am Ende im Foyer darauf, dass der Maestro die Neuerwerbung signiere. Liszt liegt ihm am Herzen, weil er hinter der Klaviervirtuosität die Geistigkeit des Komponisten entdeckt. In den Petrarca-Sonetten ist es die unerfüllte Liebe des Dichters, die den Sehnsuchtston der Musik prägt. In Schubert-Nähe hält Barenboim die Charaktere, mit feinen Klangvaleurs im Finaleffekt des Leisen. Dante war ein Lieblingsdichter Franz Liszts, und bevor Barenboim sich in die Dante-Sonate stürzt, mit dem Virtuosenzauber der Hölle und den chromatischen Seufzern des Liebespaares aus Rimini, wendet er sich dem Heiligen Franziskus zu, der selbst in die „Göttlichen Komödie“ gehört. Die Vogelpredigt, überliefert in der Sammlung „Fioretti“, zwitschert geradezu nach Musik, siehe Messiaen! Liszts „Legende“ zeigt Barenboim in pianistischer Bestform, schwer zu überbieten, auch nicht von den originellen Opernparaphrasen, deren Anstrengung dem Interpreten ökonomischen Gebrauch des Schweißtüchleins abverlangt. Im Bild der „Pédication“ aber gipfelt die Italien-Matinee: faszinierendes Trillern flatternder Vögel um einen frommen Cantus. Sybill Mahlke

KINDERTHEATER

Hunger auf

Fischstäbchen

Ist die Kälte am Pol angenehmer oder die Hitze in Sardinien? Manche harte Nuss hat Der dickste Pinguin vom Pol zu knacken, der nicht einmal weiß, ob er Fisch oder Vogel ist. So geht er wissensdurstig auf die Reise, mit dem dahinschmelzenden Hauptverkehrsmittel Eisscholle. Das macht Hunger – auf Fischstäbchen mit Mayonnaise. Irgendwie erreicht der Held dann Berlin, wo es nicht nur für einen dicken Pinguin schwer ist, Arbeit zu finden. Oberkellner geht vielleicht, und tatsächlich wird den Kindern im Foyer des Maxim Gorki Theater Knabberzeug serviert. So kommt das kleine Stück von Ulrich Hub zum fröhlichen Ende. Mit überbordender Phantasie ist es nicht gesegnet, aber es verzichtet auf erzieherische Hinweise aller Art. Ronny Jakubaschk (Regie) und Anika Baumann (Pinguin) machen mit der Musik von Sebastian Bandt eine reichliche Stunde fröhlich-nachdenkliches, temperamentvolles Kindergeburtstags-Theater, holen Mädchen und Buben geschickt aus der Reserve, lassen Raum für Improvisation – der Hub-Text dient gerade noch als Stütze. Ehrlich ärmlich geht es zu, auf jede Art von kostentreibender Ausstattung wird verzichtet. Anika Baumann müht sich redlich mit dem dicken Kerlchen, ist verschmitzt und neugierig, umschifft tapfer jede Ratlosigkeit, wird zum verlässlichen Spielgefährten. Mehr als ein Versuch allerdings, das „Gorki“ für Kinder ab fünf zu öffnen, ist das bescheidene Unternehmen nicht. Vier Theaterleute hatten es sich ausgedacht und mehr oder weniger auf eigene Rechnung in die Welt geschickt. (Vorstellungen am 30. und 31. Januar sowie am 5. Februar jeweils 10 Uhr). Christoph Funke

KLASSIK

Zurück

in die Zukunft

Verglichen mit Berliner Spitzenensembles für Alte Musik wie der Lautten Compagney oder der Akademie für Alte Musik steht das vor zehn Jahren gegründete Concerto Brandenburg sicher im Schatten – und leistet für die Präsenz der historischen Aufführungspraxis im Lande doch einen unverzichtbaren Dienst. Nicht zuletzt als motivierter Partner traditioneller Konzert- und Oratorienchöre dient das Ensemble als Frischzellenkur, die eine Auseinandersetzung mit historischen Spieltechniken für Repertoire wie Musikalität beflügelt. Neben Solokonzerten und Arien mit Koryphäen der Alten Musik wie Christine Schornsheim und Doerthe Maria Sandmann kommt das schönste Geschenk zur Jubiläumsnacht im Kammermusiksaal denn auch von Jörg-Peter Weigle. Trotz deutlicher Intonationsprobleme am Ende des überlangen Konzerts motiviert er das Ensemble in Beethovens 7. Symphonie zu einem Spiel von mitreißender Kraft, Frische und innerer Befreitheit, das Lust auf die Zukunft macht. Leider ist Orchestermitbegründer Christian-Friedrich Dallmann, der das Ensemble ebenfalls regelmäßig dirigiert, noch kein so erfahrener und charismatischer Orchestererzieher wie Weigle. Sein Part des Programms, der aus Arien und Solokonzerten von Mozart besteht, könnte trotz solider Schlagtechnik noch mehr von dem klaren Stilwillen vermitteln, der historische Aufführungspraxis vom bloßen Musizieren auf historischen Instrumenten unterscheiden sollte. Carsten Niemann

ARCHITEKTUR

Häuser aus Licht

und Schatten

Der Kubismus blieb in seinem Ursprungsland Frankreich eine Entwicklung der Malerei, eine Antwort auf das Problem, wie dreidimensionale Wirklichkeit in zweidimensionale Bilder übersetzt werden kann. In Prag hingegen wurde das Formenrepertoire des Kubismus als Ausdrucksmittel der Architektur erprobt. Der tschechische Architekturkubismus ist eine ganz eigenständige Erscheinung der Jahre um den Ersten Weltkrieg. Weniges nur konnte in diesen schwierigen Jahren entstehen, das sich als kubistische Architektur deutlich erkennen lässt; zum Teil aber von prägender Gestalt. Dieser kubistischen Architektur widmet jetzt das Tschechische Zentrum eine aus der Prager Jaroslav-Fragner-Galerie übernommene Ausstellung, die in Wort, Bild und Modellen dieses spät, zum Glück aber noch rechtzeitig erkannte und von der Denkmalpflege bewahrte Phänomen erläutert (Friedrichstr. 206, bis 28. Februar, Begleitbuch mit Lageplan 10 €).

Jedem Pragbesucher geläufig ist das „Haus zur Schwarzen Madonna“ an der Einkaufsstraße Celetná mit dem mustergültig restaurierten „Café Orient“ im ersten Stock. Josef Gocár schuf es durch Umbau 1911. Das wohl kraftvollste Beispiel für das kubistische Spiel mit Licht und Schatten ist das Mietshaus von Josef Chochol von 1914, das allerdings nur Kundige in der Neklanovastraße seitlich der Burg Vysehrad finden. Das meistgesehene, jedoch selten erkannte Werk ist die Straßenlaterne auf dem Jungmannplatz, zusammengesetzt aus rhombenförmigen Körpern – seinerzeit heftigst befehdet. Mit der Errichtung der souveränen Tschechoslowakei 1918 entstand dann ein aus Kubismus und Folklore gemischter, nationaler Sonderstil, der nur kurze Zeit Bestand hatte. Bernhard Schulz

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