Kultur : KURZ & KRITISCH

Sybill Mahlke

KLASSIK

Wie das Publikum

das Husten vergisst

„Ihr Blümlein alle, die sie mir gab“: Emmanuel Pahud windet aus Schuberts Flötenvariationen über das Lied „Trockne Blumen“ einen Kranz sagenhafter Virtuosität. Kaum vorzustellen, wie der Wiener Schubert-Zeitgenosse dieses Kunststück bewältigt haben sollte. Pahuds Interpretation aber schließt das Wunder ein, dass der Zauberflötist quasi zum Müllerburschen wird und dessen romantisches Wesen annimmt. Große Spannung liegt über dem Kammermusiksaal, das Winterpublikum vergisst das Husten. Pianist in Residence András Schiff gibt den musikalischen Lauf vor in einem Haydn-Trio: helle Klassizität, die nicht ohne Dunkel bleibt. Schiff wird von einer Crème de la Crème der Berliner Philharmoniker umgeben. Sie finden sich in aparten Ensembles zusammen, um Kammermusik zu feiern. Aus der Homophonie des Bläsersatzes mit Albrecht Mayer, Wenzel Fuchs, Stefan Schweigert und Stefan Dohr löst sich im Beethoven-Quintett die Individualität der Einzelstimmen, wie das zauberhaft singende Horn. Auf den Schalmeienton, mit dem Mayer auf der Oboe d’amore Schumann versieht, folgt im Mendelssohn-Sextett Opus 110 der Genuss edlen Streicherklangs auf sanftem Grund. Mit dem Ernst ihrer Kunst und stillvergnügten Mienen überlassen Guy Braunstein, Winfried Strehle, Walter Küssner, Olaf Maninger und Klaus Stoll dem Pianisten die eloquente Hauptrolle. Im Miteinander Musiker ist es ein Konzert der Wunscherfüllung. Sybill Mahlke

PERFORMANCE

Ein Schluck Wasser

in der Spannungskurve

Er sieht wie ein harter Kerl aus: scharfkantiges Gesicht, stählernes Kinn, düstere Augen unter dunklen Brauen, die Figur eines Türstehers, der Stiernacken mit Tattoos gepflastert. Punkt acht kommt Henry Rollins im schwarzen T-Shirt mit federnden Schritten aus der Sakristei der Passionskirche und wirkt gar nicht gefährlich. Eigentlich sei er kein besonders religiöser Mensch, sagt er. Allerdings auch nicht antireligiös. Rollins ist kein Mann radikaler Meinungen, kein Prediger, kein Kläffer oder Wadenbeißer. Eher einer, der das alltägliche Leben mit feinem Humor und mildem Spott belächelt. Schnell kommt er von Kirche und Religion auf seine Heimat, die USA als „Christen-Nation“ zu sprechen, die früher mal „Rock’n’Roll-Nation“ gewesen sei. Es geht um den Krieg im Irak, Fans von Van Halen, das Gespräch mit einem irakischen Taxifahrer in Schweden, Berichte von Reisen nach Pakistan und Syrien. Der 47-Jährige erzählt von sich als verrücktem Plattensammler, und wie er für ein Reunion-Konzert seiner Lieblingsband The Ruts engagiert wurde. Er erzählt und erzählt, schweift ab, spannt aber immer wieder einen Bogen. Mit überwältigendem Sinn für Tempo, Timing und Dynamik. Nach einer Stunde Redefluss nimmt er einen Schluck Wasser, der reicht für den Rest des Abends. Weitere zwei Stunden. Aber was ist das nun eigentlich? Spoken Word Performance? Stand Up Comedy? Auf jeden Fall ganz große Kunst! H.P. Daniels

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