Kultur : KURZ & KRITISCH

H.P. Daniels

ROCK

Diedeln

und gniedeln,

Was ist das für eine Unsitte, dass in Musikclubs, in denen Konzerte ohnehin spät beginnen, der Anfang durch ein Vorprogramm um eine weitere Stunde verzögert wird? Als bestünde das Publikum nur aus Arbeitslosen und Rentnern. Zehn vor halb zwölf kommen endlich Wishbone Ash. Das Quasimodo ist gesteckt voll. Eng und heiß ist es, man kann sich kaum rühren, kann kaum erkennen, was sich auf der Bühne tut. Eine Mütze, eine Glatze mit Sonnenbrille, ein blonder Zuppelkopf. Ein Basshals, zwei Gitarrenhälse recken sich, werden geschüttelt, gewürgt, gewrungen. Dahinter ahnt und hört man einen Drummer und einen Automatenkasten, aus dem es synthetisch sequenzert. Vorne die beiden Gitarren, die parallel riffen und solieren, die legendären Zwillingsgitarren, die in den 70er-Jahren zum Markenzeichen der englischen Band wurden, die sonst auf eine eher stilunsichere Entwicklung in den letzten 35 Jahre zurückblickt.

Bisschen Hard Rock, bisschen Blues, bisschen Progrock, bisschen Jazzrock, bisschen Folkrock, bisschen Fantasy- und Mittelalterrock mit Songtiteln wie „Warrior“ und „Throw Down The Sword“. Eigentlich spielen sie das heute immer noch, und weil sie in all den Jahren ständig das Personal gewechselt haben, ist es auch egal, wenn von den früheren Besetzungen nur noch Andy Powell übrig ist. Der singt etwas flach, jedoch mit dramatischem Tremolo. Aber es kommt ja auch mehr auf die Gitarren an. Und die diedeln und fiedeln und gniedeln. Zwar etwas schluderig und schlabberig, doch die bedingungslos treuen Fans berauschen sich daran ein weiters Mal. H.P. Daniels

KLASSIK

Nachdenken

und aufbrechen

Als glanzvolles Event inszeniert Spectrum Concerts Berlin die Feier seines 20jährigen Bestehens im Kammermusiksaal: Sponsoren tummeln sich auf einem Empfang; prominente Gästen wie Ehrenmitglied Richard von Weizsäcker, Hermann Rudolph vom Medienpartner Tagesspiegel und der Komponist Stanley Walden werden gesichtet; in der Pause wird der RBB-Film „Nächste Station Manhattan“ gezeigt, der die ganze Wundergeschichte von der Herkulestat des Amerikaners in Berlin, Frank Dodge, noch einmal aufblättert. Und dann die Überraschung: ein Programm, bis in die Fingerspitzen mitteleuropäisch, als tief nachdenkliche Reflektion des Vergangenen, ohne die keine Zukunft ernsthaft zu haben ist.

Dass der 81-jährige Richard Strauss seine „Metamorphosen“ 1945 als Elegie auf zerstörte Kultur verstand, vollzieht das „Spectrum“-Ensemble mit bestürzend zarten Nuancen nach. Anders als in der Fassung für Streichorchester betont Rudolf Leopolds Bearbeitung für Septett die Fragilität des Streicherklangs, lässt die Motive auch auf verschlungensten Pfaden transparent bleiben bis zur Enthüllung des tragischen „Trauermarsch“-Zitats aus Beethovens „Eroica“. Auch das Sextett des 17-jährigen Erich Wolfgang Korngold enthält, bei aller hinreißend musizierten Aufbruchstimmung, scharfe, ahnungsvolle Dissonanzen. Erinnerungsarbeit liegt hier im Aufspüren dieses genialen, ganz anders als Strauss von den Zeitläuften beeinträchtigten Komponisten. Auch das Septett „Such different parts“ der 27-jährigen Bulgarin Dobrinka Tabakova, als Auftragswerk uraufgeführt, wandelt auf Spuren der Vergangenheit: mit dissonant irisierenden Schichtungen folkloristisch anmutenden Materials, die sich immer mehr in harmonische Schönheit zurückziehen und zeigen, wie zerbrechlich und bewahrenswert sie ist. Isabel Herzfeld

ROCK

Verhauen

und versöhnen

Zusammen bringen, was nicht zusammen gehört – das zählt zu den gängigen Handlungsdirektiven zeitgenössischer Popmusik. Bollernde Synthesizer und verzerrte E-Gitarren etwa gehören zur Grundausstattung jedes Elektrorock-Acts. Bei Chikinki reichen die Symptome tiefer: Das Quintett aus Bristol kommt einem vor, als wären zwei Bands zwangsvereinigt worden. Die beiden Keyboarder Boris Exton und Trevor Wensley sehen aus wie handelsübliche Indie-Nerds britischer Bauart, während Sänger Rupert Browne und Gitarrist Ed East einen angeschmockten Rocker-Habitus pflegen. Auch musikalisch scheppert es mächtig. Im ausverkauften Lido wird der vom aktuellen Album „Brace, Brace“ stammende Eindruck relativiert, Chikinki wären von einer Electroclash- zu einer Gitarrenband transformiert.

Neue Songs wie „Hello Hello“ und „You said“ werden mit grindigen Orgelriffs grob übermalt, während umgekehrt die alten Hits wie „Assassinator 13“ oder „Ether Radio“ eine rüden Gitarrennachbehandlung verpasst bekommen. Dabei ist nicht alles, was es scheint: Vermeintliche Schweinerock-Gitarrensoli werden aus dem Synthie gepresst, rhythmisches Sequenzergeplucker entpuppt sich als verfremdete Gitarrenakkorde. Merkwürdigkeiten einer aufregend unentschlossenen Band: Monsters-of-Rock-taugliches Gepose, feiner Quetschgesang, auf Breakbeat-Synkopen, Heavy-Rock-Gedresche. Ein wilder Verhau, der für anderthalb Stunden begeistern kann. Jörg Wunder

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