Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

POP

Kleine Stadt

und kleine Helden

„Ihr wart so lange nicht hier“, ruft ein Fan, als Christian Neuburger, Sänger der Ingolstädter Band Slut, das Publikum im ausverkauften Lido begrüßt. In der Tat hatten Slut in letzter Zeit anderes zu tun, als sich in Konzertsälen zu verausgaben. Im heimischen Stadttheater durften sie eine Inszenierung von Brechts „Dreigroschenoper“ musikalisch begleiten. Das interdisziplinäre Arbeiten hat auf das jüngere Schaffen des Quintetts abgefärbt. Die Songs der aktuellen Platte „Still No.1“ kennzeichnet eine Ambitioniertheit, die über den gewohnten zitierfreudigen Indierock süddeutscher Prägung hinausreicht. Da werden ausufernde Songdramaturgien entworfen, Vibrafon, Trompete und Akkordeon zum Einsatz gebracht, Super-8-Filmschnipsel in Endlosschleife projiziert. All der Aufwand täuscht indes nicht darüber hinweg, dass die Artrock-Neuerfindung von Slut noch eine Baustelle ist. Häufig bleibt der Eindruck eines „klingt wie“ haften. Zum Beispiel wie oberbayerische Radiohead mit arg limitiertem Sänger. Oder wie Provinz-Tortoise ohne Postrock-Swing. So bleibt es den unkaputtbaren Indie-Hits wie „Neverending“ oder „Easy to love“ vorbehalten, das Publikum in Wallung zu bringen. Hier erweist sich Sluts druckvoller, präziser Breitwand-Emorock als international konkurrenzfähig. Noch vor den zwei hartnäckig erjubelten Zugabenblocks wird eine Konfettikanone abgefeuert, als gelte es, den Wiederaufstieg zu feiern. Für Ingolstadts wackere Helden reicht es zwar nur zur zweiten Liga. Trotzdem schön, dass sie wieder zu Auswärtsspielen antreten. Jörg Wunder

KLASSIK

Weicher Klang

und weiche Pointen

Markus Poschner, ständiger Gastdirigent beim Deutschen Kammerorchester Berlin, gehört zu den heiß gehandelten Talenten der Dirigentenszene. Dass er die Leitung des dritten Saisonkonzerts aus privaten Gründen absagen musste, macht den Start nicht leicht für den eingesprungenen Jenaer Universitätsmusikdirektor Sebastian Krahnert. Der jedoch lässt keine Nervosität erkennen: Mit einer frei und saftig klangvoll dirigierten Orchesterfassung von Bohuslav Martinus Streichsextett verschafft er sich erst einmal grundsätzlichen Respekt. Dass seine Tendenz, Rhythmen zugunsten eines weichen, präsenten und runden Klangs nicht scharf genug zu pointieren, den gelungenen vom besonderen Abend trennen wird, zeichnet sich allerdings spätestens bei Mozarts A-Dur-Klavierkonzert KV 488 ab. Die 1987 geborene Solistin Janka Simowitsch bietet einen stets klar, wenn auch mit kammermusikalischem Understatement artikulierten Vortrag an, den das Orchester nicht immer aufgreift, sondern oft nur freundlich einbettet. Richard Strauss’ Metamorphosen für 23 Streicher den latenten Salonton auszutreiben, das raffiniert gebaute, aber nostalgische Stück als angemessenen Ausdruck der Trauer über die Zerstörung Münchens im Zweiten Weltkrieg glaubwürdig werden zu lassen, ist eine Aufgabe, die womöglich gar nicht lösbar ist. Nachdem das erste Geigenpult zunächst stark hervortritt, gelingt dem gesamten Ensemble zum Schluss hin eine Intensitätssteigerung – wobei der stärkste Moment die lange, nachdenkliche Stille ist, die der präsent verharrende Krahnert nach dem letzten Ton im Kammermusiksaal erzwingt. Carsten Niemann

KUNST

Klarer Strich

und klare Brüche

Buchstaben gibt es in der Galerie Schwartzsche Villa auch zu sehen. Etwa Kanzleischrift-Kalligrafie auf Papierrollen, wie sie seit Jahrhunderten in Ostasien gelehrt wird. Trotzdem ist die 1974 geborene Japanerin Hana Usui eine Abtrünnige. Als 14-Jährige wurde sie in den engeren Schülerkreis des berühmten Kalligrafen Undo Inamura aufgenommen. 1999 kehrte sie der Schriftkunst den Rücken und zog 2004 nach Berlin. Ihre Einzelausstellung in Steglitz zeichnet mit 27 Papierarbeiten vorwiegend jüngeren Datums den Weg der Tuschevirtuosin hin zur freien Kalligrafie nach (Grunewaldstraße 55, bis 24.2., Di–So 10–18 Uhr, Sa 14–18 Uhr). Auch in technischer Hinsicht bewegt sich Usui auf der Grenze zwischen Tradition und Innovation. Sie verwendet traditionelles, gesiebtes Japanpapier, mengt neueren Arbeiten aber – was in der Kalligrafie verboten ist – Ölfarbe bei. Oder Muschelpulver, wie in drei expressiven Blättern von 2000 bis 2003, deren Formen an Milchstraßensysteme erinnern. Besonders eindrucksvoll wirkt ein vier Meter langes Querformat, aus dessen schwarzem Fond drei Rhizome aus weißen Verästelungen herauswachsen. Besonders hier wird die Nähe zum Abstrakten Expressionismus spürbar. Und doch: Die scharf gezogenen Linien selbst sind von 4000 Jahre alten Orakelzeichen inspiriert, die in China auf Knochen und Schildkrötenschalen geritzt wurden. Jens Hinrichsen

FILM

Altes Glas

und altes Eisen

Die Schüler nennen ihn nur noch den „Schwammquetscher“. Wenn Josef (Zdenek Sverák) die Respektlosigkeiten seiner Schüler nicht mehr erträgt, wringt er den Tafelschwamm über ihnen aus. Schließlich beschließt der graubärtige Lehrer, seinen Job an den Nagel zu hängen. Doch was tun, wenn man über 60 ist, aber noch nicht zum alten Eisen gehören will? An ein Dauerzusammensein mit seiner bitteren Ehefrau Eliška (Daniela Kolárová) kann sich Josef nicht gewöhnen. Deshalb heuert er in einer Leergutannahmestelle an, wo der ungewohnt freundliche Alte bald zum sozialen Epizentrum des Supermarkts wird. Reife Damen schütten ihm das Herz aus, Alkoholiker berichten vom letzten Entzug, hier und da kann Josef sogar Glücksfee spielen, indem er zwei einsame Herzen verkuppelt. Zu Hause hingegen steht das Eheglück auf der Kippe, denn Eliška unterstellt dem alternden Weiberhelden Fluchttendenzen. Wie schon in „Kolja“ setzt der tschechische Regisseur Jan Sverák in Leergut erneut seinen Vater als Hauptdarsteller ein. Durch die unverklärte Darstellung verkarsteter Ehestrukturen bekommt die Rentnerkomödie Tiefgang. Zur kitschtriefenden US-Lebensabendkomödie „Das Beste kommt zum Schluss“ bildet der lakonische Humor von „Leergut“ die optimale cineastische Nahrungsmittelergänzung. Die Figur des Josef ist ein klassischer Antiheld, der mit Schweijk’schem Humor gegen die Widrigkeiten des Alltags kämpft: Selbstironie ist eben immer noch eine der wichtigsten nationalen Tugenden in Tschechien. (In sieben Berliner Kinos, OmU im Babylon Mitte.) Martin Schwickert

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