Kultur : KURZ & KRITISCH

Jan Oberländer

PERFORMANCE

Ausgestellte

Gefühle

Im Programmheft zu „The Imitation“, der neuen Performance des New Yorker Medienmixers Caden Manson und seiner Big Art Group, wird der subversive Geist des 1939 aus Deutschland nach Hollywood emigrierten Regisseurs Douglas Sirk beschworen. Dessen Meisterwerk „Imitation of Life“ dient dann aber nur als Motivsteinbruch für eine so harmlose wie trashige Dreiviertelstunde (wieder 27. 1.). Die Grundkonstellation: Vier Performer stehen mit Blondperücke und Strapsen hinter einem mit Kameratechnik bestückten Tresen auf der Bühne des Hau 1. Links und rechts zappeln Go-Go-Boys, auf dem Laufsteg singen Punkveteranen-Songs über unsterbliche Liebe. Die Performer beschmieren sich derweil mit Marmeladenblut und Schokopuddingscheiße, was auf vier Leinwände projiziert wird. Bisweilen stellen zwei Leute die gleiche Figur dar – Zersplitterung der Wahrnehmung! Imitation von Leben.

Manson erzählt nicht immer nachvollziehbar, aber visuell eindrucksvoll die Geschichte der Künstlerin Alice, die – wie die Broadway-Actrice Lora in Sirks Film – ihre innere Leere mit der Fassade ausgestellter Gefühle verdeckt. Per Messerschnitt dringt Alice zum Eigentlichen vor: „Erase and release me!“ Die Go-Gos tragen Rabenschnabelmasken, schwarze Luftballons regnen ins Parkett. Zuschauerinnen mit spitzen Absätzen lassen es knallen. Jan Oberländer

FILM

Gestohlene

Leben

Sie waren Francos Kanonenfutter: 90 000 Marokkaner kämpften im Spanischen Bürgerkrieg (1936–1939) auf Seiten des Generals. Unter Zwang und mit falschen Versprechen waren sie in die Armee gepresst worden. Obwohl viele noch Teenager waren, erwiesen sie sich als entscheidend für den Sieg Francos. Nach dem Krieg stellten sie seine exotische Gardetruppe. Doch der spanische Staat hat ihr Opfer nie anerkannt: Die Überlebenden, mittlerweile spanische Staatsbürger, erhalten keine Rente. Ihre so gut wie unbekannte Geschichte erzählt der Regisseur Driss Deiback in dem Dokumentarfilm The Forgotten, der im völlig überfüllten Instituto Cervantes Premiere feiert. Deiback, der selbst aus der spanischen Exklave Melilla stammt, lässt die über 80-jährigen Veteranen Orden und Wunden zeigen, lässt sie berichten von Schlachten gegen die „Roten“ und Liebschaften mit andalusischen Mädchen sowie klagen über die Undankbarkeit Spaniens. Allein das wäre schon sehenswert, auch weil Deiback unveröffentlichtes Archivmaterial ausgegraben hat. Doch er bettet seinen Film in einen aufschlussreichen Diskurs über das Bild des Moslems in Spanien ein.

So besucht er Friedhöfe, auf denen man die Leichen der moslemischen Soldaten verscharrte. Heute sollen sie Golfplätzen weichen. Wenn Golfplatzgegner auf die Friedhöfe aufmerksam machen, heißt es: Das sind keine Friedhöfe, dort liegen Mauren! Deiback lässt eine Reihe von Intellektuellen zu Wort kommen, darunter Juan Goytisolo und José María Ridao. Könnte es sein, fragt Ridao, der im Cervantes neben Deiback auf dem Podium sitzt, dass das spanische Selbstverständnis als katholische Nation auf einer Lüge beruht? Seit Jahrhunderten heiße es, bei der Eroberung Granadas 1492 seien die arabischen Besatzer hinausgeworfen worden. „Besatzer? Nach 800 Jahren!? – Das waren muslimische Spanier, die von katholischen Spaniern verfolgt wurden.“ In Spanien hat Deiback Films mehrere Festivalpreise gewonnen. Aber auf einer Veranstaltung in Galizien raunten ihm Politiker zu: „Wenn dir Spanien nicht gefällt, dann hau doch ab.“ Philipp Lichterbeck

ELEKTRO-POP

Gestapelte

Töne

Wer könnte besser geeignet sein, das Festival Club Transmediale zu eröffnen, als der Musique-Concrete-Pionier Pierre Henry, der maßgeblich zur Vollendung der elektronischen Musik der Avantgarde beitrug und mit „Psyche Rock“ in den Sechzigern einen Welthit hatte, der dreißig Jahre später als Remix-Fassung von Fatboy Slim zur Erkennungsmelodie der Zeichentrickserie „Futurama“ wurde. Schon die ersten Sekunden seines Auftritts in der ausverkauften Volksbühne verdeutlichen das Besondere dieses Konzerts: die Gnade, den Achtzigjährigen erleben zu dürfen. Zu sehen, wie er mitten im Publikum am Mischpult sitzt und die Leute mit Lautsprechern beschallt. Während „Historie Naturelle ou les Roues de la Terre“ das Brausen bombastischer Bruckner-Sinfonik mit Störgeräuschen kontrastiert, wird bei „Pulsation“ die Unvorhersehbarkeit der Geräuschereignisse mit Technobeats aufgeladen.

Aber eigentlich passt hier nichts zusammen, und das Stapeln von Sounds ergibt nicht zwangsläufig einen großen. Dass der technologische Fortschritt Henrys avantgardistische Ziele längst überholt hat und der Altmeister ungelenk Anschluss an die DJ-Kultur sucht, ist kein Problem für das Publikum, das den Urvater der Maschinenmusik ausgiebig feiert. Danach nichts wie ab ins Maria am Ufer, wo die Eröffnungsparty stattfindet und die Leute um vier Uhr morgens zur verdrehten Discomusik von den Detroit Grand Pubahs tanzen, während der halbnackte Sänger im Windel-Outfit Whisky verteilt. Die Club Transmediale hat begonnen (noch bis 2. 2.).Volker Lüke

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