Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

POP

Wo der Schweiß

verdampft

Mit ihrem Debütalbum haben The Enemy vergangenen Sommer auf Anhieb den Spitzenplatz der britischen Charts erobert. Das klingt beeindruckend, andererseits bedarf es für diese Leistung in Zeiten ständig sinkender Plattenverkäufe keiner Massenhysterie mehr. In Berlin zumindest passt die Anhängerschaft noch bequem in den kleinen Magnet Club. Ansatzlos stürzen sich die drei Anfangzwanziger aus Coventry in einen elektrisierenden, dreiviertelstündigen Dauerlärm, den sie nur unterbrechen, um für einen Song zur akustischen Gitarre zu wechseln. Während Bassist Andy Hopkins und Drummer Liam Watts den zivilisierten Britpop-Habitus kleinbürgerlicher Herkunft repräsentieren, verkörpert Sänger und Gitarrist Tom Clarke den Working-Class-Wadenbeißer, der, wäre er nicht Musiker geworden, auch als Fußballhooligan eine gute Figur abgeben würde: ein aggressiver Wicht, der beim Singen die Mundwinkel bis zum Kinn herabzieht und unermüdlich auf die Saiten eindrischt. Die Songs sind hochenergetische Dreiminutenkracher zwischen Punk und Pubrock, deren mangelnde Subtilität durch einen hohen Mitgröhlfaktor kompensiert wird. Man glaubt in dem Geschrei und Gitarrengehacke Sex Pistols und The Jam, aber auch proletarische Metal-Bands wie Saxon als Vorbilder zu erkennen. Das Publikum verwandelt den Laden in einen wogenden, schweißdampfenden Hexenkessel. Recht hat es. Jörg Wunder

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