Kultur : KURZ & KRITISCH

Christiane Tewinkel

KLASSIK

Forelle

am Haken

Ein langer, guter Werbespot für das Lied: Das Workshop-Konzert mit Thomas Quasthoff und vier seiner Studenten im philharmonischen Kammermusiksaal. „Studierende“, sagt Quasthoff selbst allerdings immer wieder, überkorrekt, wie er sich überhaupt bemüht, seine Zöglinge nicht nach Meisterkursmanier zu behandeln und die Lust des Publikums am Bloßstellen des Nachwuchses zu bedienen.

Nein, Quasthoff ist ein liebevoller, ein lustiger Lehrer, dessen Moderation man die Erfahrung als Radiosprecher ebenso anhört wie die als Bühnenkünstler, und der vor allem Interpretationsfragen bespricht: Wohin gucken während des Klaviervorspiels? Bei einem Liebeslied? Am besten jemanden im Publikum aussuchen. „Hast du eine besondere Altersvorliebe?“, fragt Quasthoff eine Studentin, und der Saal biegt sich vor Lachen. Welchen Ausdruck möchte Schumanns „Du bist wie eine Blume“, wie viel Hohn braucht Wolfs „Wer rief dich denn“? Wie beobachtet man eine Forelle? Und wenn sie dann am Angelhaken hängt – falsches Bedauern? Quasthoff führt all dies selber vor, inklusive der Geräusche der Anglerkurbel. Vor allem die jungen Studenten gefallen, der 1984 geborene Jakob Ahles mit schönem Bariton und die Potsdamerin Isabelle Rejall mit einem Mezzosopran, der noch viel Kraft wird entfalten können. Christiane Tewinkel

KUNST

Schwefel

und Zunder

In Reih und Glied stehen vierzig „Hämmer“ aus Stahl im Schaufenster der Guardini-Galerie. Wo sonst die Schäfte stecken, klaffen Löcher. Der Betrachter kann einen Durch-Blick riskieren, einmal längs durch die stählerne Parade, wie man überhaupt bei Markus Schaller meistens um die Ecke denken muss. Vorzugsweise arbeitet der 1967 geborene Bildhauer mit Sechs- oder Vierkantstahl. Bereits seine „40 Hämmer“ von 1993 sind zusätzlich mit Schlagbuchstaben beschriftet. Zum archaischen Material tritt das virtuelle Wort – Extreme werden ausgelotet. Formen Sprache heißt Schallers eindrückliche Einzelschau mit überwiegend nagelneuen Arbeiten (bis 20.3., Askanischer Platz 4, Di–Fr 14–19 Uhr).

Im Souterrain schreitet man förmlich in das „Textfeld“ (2007) hinein, das aus 72 Stahlplatten besteht, die Schaller um die Treppe herumgelegt hat. Seine Schreibmaschine ist eine zehn Tonnen schwere Hydraulikpresse. Zwischen Gedankenleichtigkeit und Materialschwere pendeln auch Schallers stählerne Menschenfiguren, die manchmal in eine dreidimensionale Kreuzform eingespannt sind. Eine formale Entscheidung, obwohl Schaller durchaus die kosmische Dimension mitdenkt: Wie einen Satelliten platziert der Rebecca-Horn-Schüler die kopfüber gedrehte „Figur im Kreuz“ (2007) in einem Environment aus pechschwarzen Materialbildern, auf denen es flimmert. Gemacht sind diese Oberflächen aus Zunder, Schwefel, Ruß und Grafit, aus Abfallprodukten des Schmiedehandwerks. Jens Hinrichsen

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