Kultur : KURZ & KRITISCH

Thomas Lackmann

KABARETT

Sehnsucht nach

der Sehnsucht

Da hocken sie am Tag danach. In Socken. Ledersofa. Flokatikissen. „Wenn es hell wird, raffen die Bräute ihre Beute und bedienen / zuhause ihre neuen Küchenmaschinen“, singen sie. „Und werden ganz normal gestörte Leute.“ Sie seufzen, sticheln. Taumeln aus der Trance des ironischen Höhepunkts, der Schwulen-Hochzeit coram publico, in den Höllentrott. Verstärkt durch eine Band, haben sich die androgynen Beziehungs-Poetiker Malediva erstmals von der kuscheligen Bar jeder Vernunft ins große Tipi gewagt. Intimitätsverlust ist ein Preis der Ehe: behauptet der überdrehte erste Teil von „Ungeschminkt“ (bis 17. 2.). Es gibt keine Träume mehr. Da hocken sie im Leben nach der Pause. Hacken sich postverliebt lächelnd fast die Augen aus. Melancholie hat den Zyniker Tetta Müller und das spitzzungige Dummchen Lo Malinke glücklich eingeholt. Sehnsucht nach der Sehnsucht: So viel spießig-homosexuelles Innenleben, ohne tuntige Klischees, ist Berlin in einer hetero-kompatiblen Show noch nie zugemutet worden. „Ich warte auf die Liebe, die ganz woanders wohnt,“ singen Malediva. „Ich werde dich nicht verlassen. Ich werde hierbleiben, um dich zu hassen.“ Graues Licht. „Wir werden alt und das ist o. k. Manchmal tun uns morgens beim Aufstehn / die Haare weh.“ Und: „Man könnte sich immer in jemand anders verlieben“, singen sie. Ein Abend für Herzensbrecher.Thomas Lackmann

KLASSIK

Mozart

ohne Maske

Lothar Zagrosek gehört zu den Dirigenten, die daran glauben, dass eine Auseinandersetzung mit der Wiener Klassik positive Auswirkungen auf das Repertoire hat, vor allem bei Ensembles, die auf die (Spät-)Romantik spezialisiert sind. Deshalb setzt er in seiner zweiten Saison als Chefdirigent des Konzerthausorchesters hier einen Schwerpunkt, bietet Sonntags-Matineen mit Mozart-Raritäten an (die nächste am 15. Mai), und spielt auch im aktuellen Programm (noch einmal heute, 20 Uhr) Musik des späten 18. Jahrhunderts. Joseph Haydn zeigt er als gewieften Meister aller Tonsatzregeln, der sich in seiner 88. Sinfonie einen Spaß daraus macht, die Publikumserwartungen auszuhebeln. Wenn Zagrosek im Largo Donnergrollen gegen Sehnsuchtsseufzer setzt, wenn er das als Bauerntanz verkleidete Menuett rumpelig ausreizt, wird die Partitur zur Bühnenmusik für eine geistreiche Komödie.

Mozarts Haffner-Sinfonie hat keine Camouflage nötig. Begeistert gehen die Musiker mit, wenn ihr Chef die perfekten Proportionen dieses Geniestreichs in einer strahlend-festlichen, lebendig pulsierenden Interpretation feiert. Enttäuschend der Solist des Abends, Severin von Eckardstein: Strawinskys Capriccio für Klavier und Orchester wünscht man sich draufgängerischer, rhythmisch weniger ausgezählt. In César Francks „Sinfonischen Variationen“ kann der 30-jährige Pianist im Melodiefluss mitschwimmen, gestaltet die ruhigen Momente einfühlsam – doch als Führungspersönlichkeit zeigt er sich auch hier nicht. Frederik Hanssen

POP

Marliese

zum Mitsingen

„It’s obvious: I’m losing her now“, singt John Watts mit dunklem Bariton. Ein trauriges Lied, beiläufig, eine seiner Geschichten aus dem täglichen Leben. Und schrubbelt und schrabbelt dazu auf einer merkwürdigen elektroakustischen Gitarre. Pop, Punk, schwere Riff-Stürme, leichte Folk-Brise. Dann schnappt die Stimme hoch ins Sting'sche Register. Mit seiner New-Wave-Band Fischer-Z hat der heute 53-jährige Engländer Anfang der Achtziger riesige Hallen gefüllt, jetzt spielt er im kleinen Maschinenhaus der Kulturbrauerei für ein Häuflein Treuer und Eingeweihter seine neuen Songs, solo. Für sein Album „It Has To Be – Their Stories“ (Silversonic Records) ließ er sich in elf europäischen Ländern von unbekannten Menschen Geschichten erzählen und hat daraus jeweils einen Song gemacht. „The Day Johnny Cash Passed Away“ mit tiefer Brummelstimme, „Dance On“ mit leicht karibischem Einschlag, „Bring It On“ mit Marc-Bolan-Get-It-On-Gitarre. Zum Schluss und zum größten Vergnügen der Fans noch die schön alte Fischer-Z-Nummer „Marliese“ zum Mitsingen, dann Stöpsel aus der Akustikgitarre und fröhlich singend ab. H.P. Daniels

0 Kommentare

Neuester Kommentar