Kultur : KURZ & KRITISCH

Dorte Eilers

KLASSIK

Innere

Landschaften

Eigentlich ist es nur Müll. Nutzloser Abfall, den Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker kurz zuvor in der Treptower Arena akustisch aus dem Boden gestampft haben. Doch für die Kinder, die nun mutig diesem unheimlichen Pulsieren entgegentreten, sind es die Bausteine ihres Traums vom urbanen Leben: Links vom Orchester wächst plötzlich ein Wohnblock aus Müslischachteln in die Höhe, rechts entstehen Wolkenkratzer aus verbeulten Getränketüten. Diese Städte sind endlich einmal nicht zum Fürchten. Im Gegenteil: Man könnte ihnen locker auf die Dächer spucken.

Bei „Surrogate Cities“, dem diesjährigen Tanzprojekt im Rahmen der Education- Arbeit der Philharmoniker, werden an diesem Abend viele solcher Städte entstehen. In Heiner Goebbels Werk für Orchester, Sprechstimme (David Moss), Mezzosopran (Jocelyn B. Smith) und Sampler (Benjamin Kobler) hört man das maschinelle Stampfen laufender Automotoren, das babylonische Stimmengewirr, fühlt die Einsamkeit und Enge, aber auch Nähe und Zärtlichkeit. Es ist eine Annäherung an einen komplexen Lebensraum, dem Choreografin Mathilde Monnier den Blick von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen aus Berlin und Potsdam hinzufügt. Spielerisch-improvisiert zeigt sie dabei urbanes Leben so, wie es im Grunde auch ist: als eine Landschaft voll quirliger Individuen, die ihre Stadt aus unterschiedlichsten Perspektiven wahrnehmen wie zum Beispiel die Jugendlichen aus Berliner Kung-Fu Schulen und der lis:sanga dance company, die sich tastend, grimassierend oder gar mit Kampfposen im Großstadtdschungel zu behaupten versuchen. Oder wie die Erwachsenen der Tanzgruppe 50plus, die im Paartanz Nähe und Gemeinschaft finden. Oder eben wie die Schüler der Eduard- Mörike-Grundschule aus Neukölln, die sich mit ihren Pappstädten für einen kurzen Augenblick in eine überschaubarere Umgebung träumen. Hier gilt, was man draußen gerne vergisst: Nur wer genau hinschaut, entdeckt die schillernde Vielfalt eines solchen Lebens. Dorte Eilers

VARIETE

Heißer

Reifen

Mit der Show Dekolleté will der Wintergarten einmal alles anders machen. Nicht Nummern aneinanderreihen, wie sonst im Varieté üblich, sondern eine richtige Geschichte erzählen. Autor Frank Müller setzt fünf Modestudenten unter Stress: Für ihre Abschlussarbeit sollen sie den Stil der zwanziger Jahre mit den Mitteln von heute neu interpretieren (Regie: Wolfram Korr und Thomas Schmidt- Ott). Doch allzu viel Dramaturgie darf man nicht erwarten. Liebhaber der roaring twenties müssen sich mit ein paar rasch hingeworfenen Zitaten begnügen. Warum die Studenten plötzlich eine Affinität zu Berlins großer Zeit entwickeln, bleibt im Dunkeln. Im Vordergrund stehen die artistischen Nummern, deren Zusammenhang mit der Handlung allerdings trotz bester Vorsätze dünn ist. Technisch allerdings, sieht man von einigen Nervositätsfehlern ab, zeigen die jungen Mitglieder der Berliner Schule für Artistik Höchstleistungen. Robert Choinka balanciert in schwuler Herb-Ritts-Ästhetik auf Autoreifen. Chris Kiliano, dessen Familie seit sieben Generationen im Zirkus arbeitet, präsentiert Sixpack und windet sich an den Strapaten. Und wenn beim großen Abschlussball die Models mit bunten Tüchern, federgeschmückten Hüten, Schirmen und langstieligen Zigarettenhaltern auf die Bühne rauschen, dann sind die 20er-Jahre doch noch ganz nah (bis 6. Juni). Udo Badelt

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