Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

POP

Wie aus Ravern

Rentner werden

Wenn Rockrentner in Fußballstadien bejubelt werden, warum sollen nicht auch Techno-Stars in die Jahre kommen dürfen. Karl Hyde und Rick Smith, die seit über zwei Jahrzehnten als Underworld firmieren, gehen stramm auf die 50 zu, scheinen aber noch keine Rückzugsgedanken zu hegen. In der gut gefüllten Columbiahalle konzentrieren sie sich auf ihre Kernkompetenz: die Grenzen zwischen Techno und Pop kunstvoll zu verwischen. Grundlage der oft überlangen Stücke sind gradlinige, hypnotisch hämmernde Beats und trancige Synthieflächen in diversen Moll-Schattierungen, die von Smith mit der Präzision eines Insektenpräparators aus dem Computer gelockt werden. Hyde dagegen wirbelt herum wie ein Loveparade-Novize nach der sechsten Dose Red Bull. Mit verfremdeter Stimme singt er elegische Refrains, während emsige Roadies Riesenleuchtstäbe zu bizarren Bühnenbildern anordnen. Das mit seinen Helden gereifte Fanvolk wartet vor allem auf die Hits einer verwehten Jugend. Getöse bricht aus bei „Moaner“, als sich Hyde zu infernalischem Lichtstakkato in Rage brüllt. Die Überwältigungsstrategie funktioniert prächtig. Nach knapp zwei Stunden „Born Slippy“, die Raverhymne der Neunziger, als jubelumtostes Finale. Zehn Minuten bretternde Härte, immer wieder in schwarze Löcher des Stillstands stürzend. Underworld zeigen, wie Techno in Würde altern kann. Jörg Wunder

ARCHITEKTUR

Wie das Funkhaus

funky wurde

So berühmt das Bauhaus in Dessau ist, so vergessen sind heute viele Absolventen der legendären Kunstschule. Zum Beispiel Franz Ehrlich (1907–1084), als dessen Hauptwerk das DDR-Funkhaus an der Nalepastraße gilt (1951/56). Doch auch mit seiner Klinik für Herz- und Kreislaufforschung in Buch verwirklichte Ehrlich in der DDR ein ungewöhnliches Stück Architektur. Befreit vom Dogma der „nationalen Tradition“ orientierte er sich dabei am „organischen Bauen“. Unter dem Titel „Der moderate Funktionalist“ erinnert das Bauhaus Dessau nun mit einer kleinen Ausstellung an Ehrlichs 100. Geburtstag (Meisterhaus Schlemmer, bis 9.3.). Die vorgestellten Bilder, Möbel, Fotografien und Entwurfszeichnungen aus Ehrlichs Nachlass bieten zwar keine umfassende Werkschau, aber immerhin einen Appetitanreger, der Neugier weckt. 1927 kam der überzeugte Kommunist Ehrlich an das Bauhaus, wo er eine Gesellenprüfung als Tischler ablegte. Im Dritten Reich verhaftet und zeitweise im KZ Buchenwald inhaftiert, behielt er seinen vom Bauhaus vermittelten Ansatz als Generalist auch nach 1945 bei. So war der gebürtige Leipziger als Chefarchitekt der Leipziger Messe erfolgreich, aber auch als Innenarchitekt und Möbelgestalter. Zu seinen größten Erfolgen gehörte dabei die elegant-beschwingte Möbelserie 602, die in zahlreichen DDR-Wohnungen Einzug erhielt. Jürgen Tietz

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