Kultur : KURZ & KRITISCH

Christina Tilmann

FORUM

Außenbezirke der Liebe:

„Regarde-moi“ von Audrey Estrougo

Blicke. Springen hin und her. Über den Zaun des Fußball-Felds, über das Gitter des Treppengeländers, aus dem Fenster. Barrieren überall. Zwischen Schwarzen und Weißen. Zwischen Jungs und Mädchen. Manchmal auch zwischen Brüdern und Schwestern. Sie können nicht zueinander kommen, die Kids in Colombes, diesem tristen Vorort von Paris. Hängen in Gruppen zusammen, die Jungen wie die Mädchen. Lästern, pöbeln, streiten. Und werfen begehrliche Blicke.

Ein klassisches Banlieue-Drama in der Tradition von „La haine“ und „Wesh Wesh“, das die 24-jährige Französin Audrey Estrougo in ihrem harten, mitreißenden Langfilmdebüt gedreht hat. Sie weiß, wovon sie spricht, zog sie doch selbst als 13-Jährige aus dem Zentrum von Paris in einen Außenbezirk. Die Eltern sind kaum präsent in dieser Vorstadtwelt, die ihren eigenen Gesetzen gehorcht. Gewalt, Arbeitslosigkeit, Drogen, Diebstähle bestimmen das Leben von Yannik und Mouss, während der etwas ältere, vernünftige Jo schon den Absprung in die Jugendmannschaft von Arsenal London plant. Und alle schwärmen für Julie (außergewöhnlich: Elimie de Preissac), mit langem Blondhaar und stolzer Haltung. Wer weiß schon, dass ihr Vater daheim die Wohnung völlig verwahrlosen lässt, hilflos an der Flasche hängt?

Die ganze erste Hälfte des Films geht das so, die Jungs stehen zusammen und reden über die Mädchen. Die Brüder bewachen die Schwestern. Drinnen, da ist geschützter Bereich, da kann man offen sprechen. Draußen, da ist die Straße, der Krieg. Nicht gut, in dieser Welt eine Frau zu sein. Doch dann, nach 45 Minuten, dreht die Perspektive sich um, der Film, der Tag beginnt erneut, diesmal aus der Sicht der Mädchen. Und man begreift: Sie sind nicht nur die unterdrückten Opfer, diese Girls. Rivalitäten, Gewalt, Diskriminierung gibt es bei ihnen genau wie bei den Jungs. Schwarz und Weiß, Mann und Frau – unüberwindliche Gegensätze. Es gibt keine Hoffnung, für die Kids von Colombes. Christina Tilmann

Heute 20 Uhr (Cinestar 8), 9. 2., 12.30 Uhr (Arsenal) und 22.15 Uhr (Cubix 9), 11.2., 19.15 Uhr (Delphi)

PANORAMA

Mein Freund, die Bestie:

„Eskalofrío“ von Isidro Ortiz

Jeder Jugendliche, der von seinen Mitschülern gedemütigt wird, wünscht sich einen Schutzengel. Santi hat ihn besonders nötig, denn er leidet an einer seltenen Blutkrankheit, die ihn gegen Licht allergisch macht. Dass er ständig mit Kapuze und Sonnenbrille herumläuft, sorgt für Spott und Aggressionen. Endlich findet Santi einen Schutzengel, der leider zuviel des Guten tut. Das geheimnisvolle Wesen stößt einem Jungen, der Santi ärgert, nicht nur beiseite, sondern beißt ihm gleich den Knöchel durch, um danach den Rest zu verspeisen. Immer mehr Menschen werden ausgeweidet im Wald gefunden. Was zunächst nach einem konventionellen Horrorfilm aussieht, erweist sich als ernst zu nehmende Studie über jugendliche Außenseiter. Der Regisseur Isidro Ortiz war früher Mitglied der katalanischen Gruppe La Fura dels Baus. Er hat es unterlassen, die sinnenfrohe, aggressive Körperlichkeit dieses Ensembles auf die Leinwand zu übertragen. Stattdessen reduziert er die Farbpalette auf ein Minimum; selbst das Blut erscheint farblos. Nicht Sadismus, sondern Trauer dominiert das Geschehen, mit einem Funken Hoffnung. Liebhaber des Splatter-Kinos kommen auf ihre Kosten, aber diese Zielgruppe reicht dem Regisseur nicht aus. Er hat für das Monster, das Santi auf so schreckliche Weise beisteht, eine originelle Gestalt gefunden. Nur so viel sei verraten: Es ist nicht durch einen Atomversuch oder eine Chemikalie zur Bestie geworden. Ortiz bemüht sich, was äußerst selten bei solch einer Genreübung vorkommt, um soziale und biologische Glaubwürdigkeit. Da kann man es ihm nachsehen, dass gerade das hübscheste Mädchen in der Klasse Santi beisteht, dass dieses Mädchen einen Vater hat, der als Polizist in dem Mordfall ermittelt und außerdem noch Santis Mutter nett findet. Frank Noack

Heute 22.30 Uhr (Cinemaxx 7), 9.2., 20.15 Uhr (Cinestar 3), 10.2., 14.30 Uhr (Cubix 9), 16. 2., 23 Uhr (Cubix 7 & 8)

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