Kultur : KURZ & KRITISCH

Jan Schulz-Ojala

BERLINALE SPECIAL

Schwesterliebe:

„Elle s’appelle Sabine“

Eine Liebeserklärung. Ein Wiedergutmachungsversuch. Eine Anklage. Von all diesem – und in dieser Reihenfolge – ebenso sanft wie durchdringend angetrieben ist Sandrine Bonnaires Film über ihre ein Jahr jüngere, autistische Schwester: „Elle s’appelle Sabine“. Das dokumentarische Porträt rückt den heutigen, professionell und gut behüteten Alltag der Enddreißigerin in die Mitte, blendet immer wieder Ferienvideos dazwischen, die Sabine als Heranwachsende zeigen, und umkreist doch vor allem einen Makel, ein Dunkel: jene fünf Jahre, als alle familiäre Fürsorge nicht mehr half und in einem mit speziellen Heimen unterversorgten Staat für Sabine nur noch die Psychiatrie blieb. Der Kontrast ist erschütternd: erst das blühende Mädchen, nachher die antriebslose, aufgedunsene, fast erloschene Frau, die vor der Kamera langsam wieder zu sich zu finden scheint. Unsentimental und anrührend ist diese erste Regiearbeit der Schauspielerin, die mit Varda und Téchiné, mit Chabrol und Rivette drehte – ein Dokument darüber, dass auch der unbegreiflichste Verfall eines Menschen die Liebe zu ihm nicht zerstört. – Aus familiären Gründen hat Bonnaire sich, wie berichtet, aus der Berlinale-Jury zurückgezogen. Ihren Film will sie dennoch persönlich vorstellen. Jan Schulz-Ojala

Heute 17.45 Uhr (Cubix)

PANORAMA

Jugendliebe:

„Maré, nossa historia de amor“

Plötzlich stehen sich in der Disco zwei feindliche Linien gegenüber. Auf der einen Seite die Kids in den blauen, auf der anderen die in den orangefarbenen Klamotten. Die Älteren fuchteln mit Maschinenpistolen. Ginge es nach Shakespeare, müssten jetzt gleich die Kugeln fliegen. Doch Regisseurin Lúcia Murat hat für ihre freie „Romeo-und-Julia“-Adaption „Maré, nossa historia de amor“ eine bessere Idee: Beats knallen durch den Raum, und die Gruppen messen sich in einer Mischung aus Breakdance und Capoeira. Dass diese brenzlige Situation noch einmal gut ausgeht, liegt daran, dass sich die meisten Jugendlichen aus der Tanzschule kennen. Sie ist der einzige neutrale Ort in Maré, einer Favela von Rio. Das ganze Slum ist aufgeteilt zwischen zwei rivalisierenden Drogengangs. Der junge MC Jonatha (Vinicius D’Black) gehört zum blauen Clan, die talentierte Tänzerin Analídia (Cristina Lago) ist verwandt mit den Führern der Bande in Orange. Die beiden verlieben und geraten zwischen die Fronten.

Lúcia Murat inszeniert den klassischen Stoff als buntes Musical, das trotz seiner authentischen Kulisse wenig gemein hat mit Favela-Dramen wie „City of God“ oder dem Wettbewerbsfilm „Tropa de Elite“. Hier geht es darum, ein positives Bild der Slum-Jugendlichen zu zeichnen, ihre Kreativität in den Vordergrund zu stellen. Das geschieht vor allem über die Figur der Tanzlehrerin Fernanda. Die idealistische Ex-Ballerina ist die einzige Weiße in Maré und die einzige, die etwas zu verändern versucht. Zeitweise erzählt „Maré“ mehr ihre Geschichte, als die von Jonatha und Analídia. Was man Dank der tollen Fernanda-Darstellerin Marisa Orth gern in Kauf nimmt. Nadine Lange

Heute 22.30 Uhr (Cinemaxx 7), 12. 2., 17.45 Uhr (Cinestar 3), 13. 3., 14.30 Uhr (Cubix 9), 15. 2., 20.15 Uhr (Cubix 7 & 8)

FORUM

Junkieliebe:

„Nirvana“ von Igor Voloshin

Alisa, Dead Man und seine Freundin leben ein etwas anderes Leben. Sie alle sind Teil der Untergrundszene eines endzeitlichen St. Petersburg. Ihre Haare stylen sie nach Art der Gothic Punks, ihre Tage verbringen sie zwischen Drogen und Alkohol. Erst kämpfen die beiden Frauen bis aufs Blut um den Junkie Dead Man, dann rettet Alisa (Olga Sutulova) die Rivalin (Maria Shalaeva) vor dem Tod durch eine Überdosis. Als ein Kurier den abgeschnittenen Finger von Dead Man in einer Plastiktüte überbringt, raufen sie sich zusammen, um seine Schulden zu bezahlen.

„Nirvana“ ist ein Genre-Film, der kein Klischee auslässt. Das neue Russland ist hier eine durchgeknallte, eiskalte Welt aus Drogen-Deals, Mafiakämpfen, Prostitution und Schmerz – ästhetisch irgendwo zwischen „Mad Max“ und „Blade“ angesiedelt. Doch unter der harten Schale aus Lack, Leder und Piercings tragen die Mädchen die Narben tieferer Verletzungen. Wenn Wodka den Schmerz nicht lindern kann, muss Heroin her – das Leben ist nicht mehr als ein Überleben. Dem Regisseur Igor Voloshin gelingen einige anrührende Momente, die das Klischeehafte dieser etwas anderen Mädchenfreundschaft durchbrechen. Das Beste an seiner New Gothic Novel aber ist die Maske: Wie mit dem Aquarellpinsel ist die Schminke auf die Leinwand bleicher Mädchengesichter getuscht und die Kostüme prunken in barocker Pracht. Bodo Mrozek

12. 2., 20 Uhr (Cubix 9), 13. 2., 12.30 Uhr (Cinestar 8), 14. 2., 22 Uhr (Delphi), 17. 2., 20 Uhr (Colosseum 1)

FORUM

Bruderliebe:

„Nacht vor Augen“

Ein junger Bundeswehrsoldat (Hanno Koffler) kehrt aus Afghanistan in den Schwarzwald zurück, und alle sind stolz auf ihn, wegen der Tapferkeitsmedaille. Was keiner weiß: David (!) hat gar nicht den übermächtigen Feind besiegt, sondern in der Fremde vor lauter Panik eine tödliche Dummheit begangen. Ein traumatisierter Kriegsheimkehrer mit naiven Eltern, argloser Freundin, wohlmeinenden Kumpels: brisanter Stoff für ein deutsches Gegenwartsdrama, auch wenn manches in „Nacht vor Augen“ konstruiert wirkt und steif. Beachtlich ist das von zwei Frauen (Regie: Brigitte Maria Bertele, Buch: Johanna Stuttmann) ersonnene Debüt dennoch, wegen der sinnfälligen Ambivalenz so genannter Friedenseinsätze und der aufmerksamen Beobachtung eines Mannes in der Krise: der Macho als Bettnässer, Gewaltakte gegen die Angst, Autoaggression statt Therapie.

Filme über Täter wissen oft nicht, ob und wie sie die Opferperspektive berücksichtigen sollen. Davids kleiner Halbbruder Benni ist das geborene Opfer. Eine Memme, man möchte ihn schütteln: die personifizierte Wiederkehr des Verdrängten. David spielt gefährliche Macht- und Mutspiele mit dem Achtjährigen. Die Regisseurin ist klug genug, daraus keine Chronik einer schnellen Selbstheilung zu stricken. Der Krieg ist noch lange nicht vorbei. Christiane Peitz

Heute 20 Uhr (Cubix 9), 12. 2., 13.30 Uhr (Arsenal)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben