Kultur : KURZ & KRITISCH

Christiane Tewinkel

KLASSIK

Maria weint’

ganz bitterlich

Alte, auch altertümelnde Worte im Kammermusiksaal der Philharmonie: „Groß ist unsrer Feinde Zahl hier in diesem Erdental“ oder „Maria weint’ ganz bitterlich“ oder „Süßes Holz, süße Nägel, süße Last tragend“. Je frommer die Zeilen von Peter Rosegger oder Venantius Fortunatus (530-609), desto krasser die Wirkung der Musik, die Anton Webern um 1920 dazu geschrieben hat, auseinanderfliegende Melodiefetzen, puckernde Kommentare von Klarinette oder Bassklarinette, mitunter auch Violine oder Bratsche, Harfe, Flöte und Trompete, über allem aber Christiane Oelzes hell leuchtender Sopran als Glättungsmittel für die verstrubbelten atonalen und dodekaphonen Phrasen. Blasmusik in Kleinstbesetzung umrahmt den Webern-Innenteil; schließlich ist es das nunmehr seit zwanzig Jahren bestehende Philharmonische Bläserquintett, sind es Michael Hasel (Flöte), Andreas Wittmann (Oboe), Walter Seyfarth (Klarinette), Henning Trog (Fagott) und Fergus McWilliam (Horn), die zu diesem freundlich-unprätentiösen Abend mit Gästen geladen haben. Anfangs Beethovens Quintett op. 16, ein ob seines gefahrvoll engen Satzes und der vielen Einklänge heikles Stück, bei dem Jon Nakamatsu vom Klavier aus mozartisch anmutende Töne, doch auch Brillanz zufeuert. Am Ende aber klingt, wieder mit Klavier, ein Sextett des 1861 geborenen Rheinberger-Schülers Ludwig Thuille, das jedes der fünf Blasinstrumente in Ruhe vorspazieren lässt: schon beim alpenländischen Thema im ersten Satz oder den eigentlich schlichten, doch wirkungsvoll gespielten Kantilenen des zweiten, besonders hübsch aber in der springlebendig dargebotenen Gavotte.Christiane Tewinkel

POP

Allison schüttelt

ihre Mähne

Die muss die Richtige sein: Mit rotblonder Löwenmähne sieht die bildhübsche Allison Moorer nicht nur wie eine Country-Queen aus, sie singt auch wie eine. Furchtlos wagt sie sich in ihrem Solo-Vorprogramm an Joni Mitchells „Both Sides now“, eine stimmliche Herausforderung, die sie mit Bravour meistert. Die 35-Jährige ist die siebte Ehefrau von Steve Earle, und endlich scheint alles zu passen. Als sie im Columbia Club ihren Gatten später für ein paar Songs begleitet, wirkt der 53-jährige wie ausgewechselt, scherzt, flirtet, strahlt aus allen Knopflöchern seines schlabbrigen Holzfällerhemds. Bis dahin hat Earle, dessen turbulente Lebensgeschichte ein spannendes Biopic abgeben würde, ganz den knarzigen Songwriter herausgekehrt, hat mit einer an Pete Seeger oder Willie Nelson erinnernden Raspelstimme staubtrockene Folkballaden und spröde Bluesmoritaten zum Besten gegeben und dazwischen quasselnde Nervensägen abgekanzelt. Steve Earle ist einer der größten amerikanischen Liedautoren seiner Generation, scheint sich aber keine Tourband mehr leisten zu können: Nur ein DJ steuert gelegentlich verhärmte Beats zu seinem eckig-prägnantem Gezupfe auf Dobros, Banjos, Mandolinen und Akustikgitarren bei. Obwohl man die Interaktion mit anderen Musikern vermisst, hat die Reduktion auch ihr Gutes. Earle findet seinen ganz speziellen Groove. Am Ende des zweistündigen Sets taut er zunehmend auf: Dem aufrüttelnden „Jerusalem“ schickt er eine feurige Polit-Suada gegen die Bush-Administration voraus, das elegische „Little Rock’n’Roller“ wird durch eine ergreifende Vorrede zum Requiem für den verstorbenen Vater. Da halten selbst die nervigsten Quatschköpfe ihren Schnabel. Jörg Wunder

MUSIKTHEATER

Hans lässt

die Zettel fliegen

Zwei Semester lang haben sie mit Schauspiel und Klängen experimentiert, die Studierenden der Neuen Musik an der Universität der Künste und der Hanns-Eisler-Schule. Bei der Langen Nacht des Musiktheaters im UNI.T, der Uni-Bühne an der Fasanenstraße, zeigten sie nun ihre Glanzstücke: 13 kurze Stücke, von der Parodie auf die „Sieben Todsünden“ mit Sprecher (Eleftherios Veniadis), Pianist (Panagiotis Iliopoulos) und Sängerin (Fanny Rennert) bis hin zu puren Licht-Klang-Installationen von Max Maintz oder Cathy van Eck. Beeindruckend vor allem die Inszenierung „Undunkel“ von Lotte Greschik, eine Symbiose von Musik, Geräusch und Darstellung. Die Protagonisten Hans Block und Kerstin Oelke übersetzen die suchenden, schreienden, bangenden, jeder Struktur sich verweigernden Geräusche von Ruedi Häusermanns Streichquartett auf der Bühne unmittelbar ins Visuelle. Durch eine Mauer voneinander getrennt, hasten die beiden auf der spärlich beleuchteten Bühne herum, schreiben Zeichen in die Luft, an die Wand und auf Papierfetzen. Zettel fliegen über die Grenze, beide beginnen zu tanzen, mit dem imaginären Partner im Arm. Zuletzt Gäste vom Fach Intermediales Gestalten aus Stuttgart: Sie führen die großformatige Videoprojektion als multimedialen Bezugspunkt ein. Karin Erichsen

KLASSIK

Jochen zwitschert

zwischen Blättern

Sobald die Glastür geschlossen ist, umfängt den Besucher eine andere Welt. Große, exotische Bäume recken sich bis unter die Decke. Orchideen locken verschwenderisch in strahlenden Farben. Schwere, würzige Luft legt sich auf die Atemwege. Eine kalifornische Pflanze, schlank wie eine Schlange, wartet darauf, dass sich Insekten in ihren Kelch verirren. Sie trägt den lieblichen Namen Darlingtonie. Plötzlich erklingen zwischen den Blättern, da wo die chinesischen Brautprimeln wachsen, dunkle Töne. Der Fagottist Jochen Schneider spielt Suiten von Bach. Die abendländische Musik verwebt sich mit dem fremdländischen Ambiente. Es ist eine Herausforderung für gleich drei Sinne – Sehen, Hören und Riechen. Mit der Reihe Palmensinfonie will der Botanische Garten abends Besucher in seine Gewächshäuser locken (wieder am 16., 17. 2., um 18 Uhr). Die Musiker spielen an fünf Orten zugleich (künstlerische Leitung: Sabine Wüsthoff), während die Besucher zwischen Kakteen und Akazien den Klängen folgen. Das Ohr ist ständig in Bewegung, wodurch die Musik nur fragmentarisch wahrgenommen wird. Außerdem bleibt wenig Platz zum Stehen, geschweige denn Sitzen. Bei Nadja Zwiener (Violine) und Matthew Jones (Gitarre) im Jugendstil des Mittelmeerhauses nehmen gedehnte, unendlich traurige, unendlich schöne Barockklänge gefangen. Zur Not taugt dann auch jeder moosbewachsene Stein als Sitzplatz. Udo Badelt

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