Kultur : KURZ & KRITISCH

Patrick Wildermann

THEATER

Der ewige

Horror

Bongani ist fünf Jahre alt, als er von einem Fremden entführt und in ein Kellerverlies verschleppt wird. Es vergehen 13 Jahre, bis Nachbarn seine Schreie hören und die Polizei verständigen. Der Junge ist geistig auf dem Stand eines Siebenjährigen und spricht nur im Dunkeln. Ein authentischer Fall, der sich im südafrikanischen Durban ereignet hat. Anne Tismer widmet sich in ihrer jüngsten Kunstaktion, die sie im Ballhaus Ost inszeniert hat, dem geschundenen Kind. Aber ihr Abend Bongani (wieder am 14. und 15. Februar), eine beklemmende, einstündige Performance, weist über dieses einzelne Schicksal weit hinaus, von dem Anne Tismer in der Zeitung las. Oft waren es ja zuletzt solche Randnotizen, empörende Trouvaillen im Vermischten, ebenso die fetten Boulevardschlagzeilen über tote Kinder, Horrormütter und Amokläufer, die ihre Arbeit inspirierten, auch die Aufführungen ihres Künstlerkollektivs „Gutestun“.

Was da medial allenfalls grell ausgeleuchtet wird, taucht Tismer ins Zwielicht einer differenzierten, schmerzhaften Annäherung. Auch in diesem Fall: Auf einem kleinen Bühnenpodest, im fahlen Schein flüchtiger Videoprojektionen, begibt sich die Künstlerin ins Innere der traumatisierten Psyche. Sie wechselt die Identitäten – es spielt bald keine Rolle mehr, ob sie sich Bongani nennt oder Miriam –, windet sich in einen mal kindlichen, mal radikal-poetischen Monolog, der den Zuschauer in seinen Bann zieht. Tismer, die immer wieder auch mit dem Performer John Bock arbeitet, verfolgt einen staunenswerten künstlerischen Weg. Patrick Wildermann

KUNST

Der ewige

Amateurfilmer

Seine Filme sind wie schlichte Regieanweisungen, denen er selbst mit der Kamera getreulich folgt. Deshalb ist Lutz Mommartz auch so oft persönlich im Film zu sehen: wie er die Kamera hochwirft und fängt, wie er sich durch Räume tastet, Lichtschalter und Klingelknöpfe betätigt. Heraus kommen dabei kurze Abhandlungen, die in ihrem körnigen Schwarz-Weiß und den unausweichlichen Wacklern an die Slapstick-Nummern eines Charlie Chaplin erinnern. Sie besitzen den gleichen tragi-komischen Humor. In den sechziger Jahren hat man diesen anarchischen Witz sofort verstanden, Mommartz war damals Kult. Der kleine Inspektor der Düsseldorfer Bauverwaltung hatte eher spontan 1967 beim Experimentalfilmfestival in Knokke-le-Zout vier Beiträge eingereicht, sich mit Dreien davon sofort im Wettbewerb platziert und mit „Selbstschüsse“ den ersten Platz belegt.

Vierzig Jahre später entdeckt die Kunstszene den Experimentalfilmer neu, der bald schon das Beamtendasein aufgeben hatte und Mitte der Siebziger als Professor für Film an die Kunstakademie Münster berufen worden war. Die Berliner Kunst-Werke widmen dem heutigen Mitsiebziger eine Hommage, indem sie vier seiner frühen Filme in ihren Ausstellungssälen laufen lassen (Auguststr. 69, bis 9. 3.). Und plötzlich weht die Aufbruchsstimmung von einst wieder durch die Räume, ein nostalgisches Lüftchen. Der heutige Betrachter kann sich ein Schmunzeln kaum verkneifen, wenn im „Weg zum Nachbarn“ (1968) die Renate unter vielsagenden Federquietschen beachtliche zehn Minuten auf dem Gerd reitet und dabei unverwandt in die Kamera blickt. Oder wenn sich die Ila und der Günter in „Als wär’s von Beckett“ (1975) gegenseitig im Ehestreit zerfleischen. Damals bestimmte das Sehen eben noch das Sein. Nicola Kuhn

CHANSON

Das ewige

Mädchen

An Jane Birkin scheiden sich die Geister. Als Ikone der sexuellen Befreiung – „Je t’aime“ von 1969 – ist sie nach wie vor interview-begehrt, als Chanteuse muss sie immer wieder unschöne Vergleiche ertragen. Dabei weiß man doch, dass sie eine dünne Stimme hat, in den Höhen gerne kiekst und überschaubar schwere Melodien bevorzugt. Dies vorausgesetzt, kann ein Abend mit Jane Birkin nur schön werden – und er wurde es am Sonntagabend im Großen Sendesaal des RBB, beinahe jedenfalls, wenn nur die Aussteuerung des Drei-Mann-Orchesters gestimmt hätte. Der akustisch so großartige Saal wurde beschallt, als gälte es, eine Sporthalle erzittern zu lassen. Dabei ist es doch Birkins sympathische Art, jeden Konzertsaal in einen intimen Club zu verwandeln, mit dem Publikum zu sprechen und gelegentlich auch durch die Reihen zu gehen; vor allem aber, ihr Singen und Rezitieren in –gefühlter – Zimmerlautstärke zu präsentieren. Das holpert zu Anfang; erst als sie ins Französische wechselt, nimmt ihre Stimme Fahrt auf, und als die gebürtige Londonerin dann nach „T’as pas le droit“ ihre Standardfrage anbringt, ob sie lieber Englisch oder Französisch sprechen solle, hat sie das erstaunlich altersgemischte Publikum für sich gewonnen. Jetzt geht auch die Erinnerung an den 1991 verstorbenen Serge Gainsbourg, der sie zum Star modelliert, zugleich aber mit einem unsterblichen Chanson-Fundus ausgestattet hat, leicht und schwebend über die Bühne. Nach der „Ballade de Johnny Jane“ ruft sie unter Beifall seinen Namen. Es ist das Geheimnis ihres Jungmädchen-Charmes, dass sie alles singt und erzählt, als sei es das erste Mal und ihr Auftritt die Premiere ihres Lebens. Nach „Je m’appelle Jane“, dem einzigen Lied, das sie hier im Duett singt, kommen die Dankesworte an ihre Equipe. Doch nein, sie hört noch längst nicht auf, singt sich durch alle Genres und endet erst nach knapp zwei Stunden und 20 Liedern, zu Recht beifallumrauscht. „Dankeschön“, haucht sie. Wie zum ersten Mal. Bernhard Schulz

POP

Die ewigen

Fans

Beim Konzert von Megadeth wäre rückenlanges Haupthaar eine feine Sache. Denn bald beginnt auch der freundliche Kuttenträger neben einem, zum unermüdlichen Paddeldipaddel der Double-Bassdrum seine Matte mit konzentrischen Kopfbewegungen herumzuwirbeln. Man bedauert spontan die Friseurbesuche der letzten Jahre. Von dem gesparten Geld könnte man sich zudem eine dieser schmucken Jeanswesten mit Bandaufnähern leisten, die den echten Fan kennzeichnen. Megadeth, die in Japan immer noch Superstars sind, haben hierzulande ein Nachwuchsproblem: Die meisten Zuschauer sehen aus, als ob sie die kalifornischen Thrash-Metaller seit ihren Anfängen in den Achtzigern begleiten.

So ist der von der Columbiahalle ins kleinere Huxley's verlegte Auftritt auch nicht ausverkauft. Dave Mustaine, dessen wallender Blondschopf an die Seventies-Ikone Farrah Fawcett-Majors („Drei Engel für Charlie") erinnert, gilt als jähzorniger Bandleader, aber so artig wie der vermeintliche Buhmann bedankt sich sonst keiner beim Publikum. Mit Co-Gitarrist Chris Broderick liefert er sich rasante Saitenduelle, deren spinnenfingrige Akrobatik jeden Musiklehrer in Verzückung setzen würde. Nach anderthalb Stunden Schwerstarbeit wirkt das Quartett etwas ermattet, zudem scheinen alle Kombinationsmöglichkeiten von quietschend-sägenden Gitarrensoli, gepresstem Kreischgesang und permanentem Turbogeklöppel ausgeschöpft. Mit tiefer Verbeugung zollt die gealterte Metal-Boygroup den begeisterten Fans nochmal Respekt, dann geht's ab unter's Sauerstoffzelt. Jörg Wunder

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