Kultur : KURZ & KRITISCH

Daniela Sannwald

PANORAMA

Der Feind in meiner Familie:

„Det som ingen ved“

Ein Puppenspieler und Kinderliedsänger kann wohl kein Böser, aber vielleicht ein Naiver sein, und so fürchtet man nicht zu unrecht gleich von Anfang an, dass der Held dieses dänischen Geheimdienstthrillers seinen Gegnern nicht gewachsen sein wird. Anders W. Berthelsen, einer der Stars des Dogma-Kinos spielt die Hauptrolle des unbescholtenen Bürgers Thomas, der durch den merkwürdigen Tod seiner Schwester und seine dilettantischen Nachforschungen in die Machenschaften einer finsteren, faschistoiden Organisation innerhalb des Geheimdienstes gerät. Thomas wird bedroht und zusammengeschlagen, seine Wohnung durchwühlt, seine Tochter gekidnappt. Trotz alledem und trotz seiner sich steigernden Paranoia setzt er seine Recherche fort, erst recht, als er begreift, dass sein eigener Vater mit der geheimen Organisation zu tun hatte. Wohl oder übel muss er sich auch mit der Geschichte seiner Familie befassen, unterstützt lediglich durch die Lebensgefährtin seiner Schwester und einen ehemaligen Kollegen seines Vaters. Oder ist der auch Teil der Verschwörung? Ständig auf der Flucht vor imaginären oder realen Verfolgern, hetzt Thomas, zumeist bei Nacht oder Nebel, durch ein labyrinthisches Kopenhagen voller bizarrer Schauplätze. Er ist ein später Nachfolger der unschuldigen Hitchcockschen Normalbürger, wie sie James Stewart oder Cary Grant gespielt haben, und er macht deren Fehler alle wieder. Was ihn von jenen unterscheidet, ist, dass er seiner Tochter gelegentlich einen Join klaut, um ihn selbst zu rauchen. Daniela Sannwald

Heute 10.30 Uhr (Cinemaxx), 13. 2, 14 Uhr (International), 15. 2., 22.30 Uhr (Cubix)

PANORAMA

Olivenöl gegen Aids:

„Darling! The Pieter-Dirk Uys Story“

Ist sexuelle Toleranz ein Luxus, den sich nur westliche Industrienationen leisten können? Vieles spricht dafür – die Existenz von Pieter-Dirk Uys spricht dagegen. Der südafrikanische Aids-Aktivist besucht Schulen, um Jugendliche über Verhütungsmethoden aufzuklären, und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. Das verblüfft insofern, als seine Zuhörer höchstens sechzehn sind. Die Mädchen und Jungen wirken schüchtern und wohlbehütet und sind definitiv nicht durch die harte Schule des Lebens gegangen. Dass Uys ihnen Oral- und Analverkehr erläutert, würde ihm in den USA eine langjährige Haftstrafe einbringen. Dagegen hat die südafrikanische Regierung erkannt, dass radikale Aufklärung wichtiger ist als sogenannte gute Sitten: vier von 40 Millionen Einwohnern sind HIV-positiv. Die Politiker äußern sich nicht dazu. Aber wenigstens behindern sie Uys nicht bei seiner Arbeit, die er als Mischung aus Clown und Drag Queen verrichtet. Einen ganz starken Eindruck hat er bei dem Schüler Julian Shaw hinterlassen, der heute 22 Jahre alt und Filmemacher ist. Sein Porträt des schrillen Aufklärers ist formal belanglos und darf es auch sein. Wer die Kamera auf Uys hält, kann nichts falsch machen. Über den verhassten Ex-Präsidenten sagt er: „Früher brauchte ich viel Makeup, um wie Botha auszusehen. Jetzt sehe ich selbst aus wie dieser Fucker.“ Er amüsiert sich über die Gesundheitsministerin, die gegen Aids eine Olivenöltherapie empfiehlt, ohne deren Anwendung näher zu erläutern. Und er hat eine besondere Taktik entwickelt, um mit erbitterten Gegnern fertig zu werden: „Liebe deinen Feind - es wird seinen Ruf ruinieren“. Frank Noack

13. 2., 22.30 Uhr, (Cinestar), 14. 2., 17 Uhr, 15. 2., 13 Uhr (jeweils Cinestar 7), 16. 2., 17.30 Uhr (Cubix 7)



FORUM

Der Feind von morgen ist der

Freund von gestern: „Divizionz“

Ein Tag im Leben von Kapo, Bana, Kanyankole und Mulokole – vier junge Leute ohne Arbeit in einem Baommen, das Geld für die Fahrt in die Stadt ist auch schon angespart. Doch es scheint, als haben sich alle gegen sie verschworen: Mütter, Tanten, eine Wirtin, der Metzger und die Polizei. Es gibt Überfälle, Verfolgungsjagden und auch eine Schlägerei. Sie werden um ihre CD betrogen, das Geld geht für die Bestechung der Polizei-Miliz drauf. Kapo und Bana finden dennoch einen Weg in die Stadt. „Divizionz“ ist ein rasanter Low-Budget-Film aus Uganda mit Hiphop-Beats und Guerilla-Flair. Das Regisseurkollektiv „Yes! That’s us“ arbeitete in einem quasi-dokumentarschen Stil hauptsächlich mit Laien aus den Vierteln, in denen gedreht wurde. Der Film gibt Einblicke in die Jugendkultur von Ugandas Armenvierteln, doch das eigentliche Thema des Films ist die Freundschaft unter den Bedingungen der Armut. Hier muss sich jeder gegen den anderen durchsetzen; denn wer nicht den eigenen Vorteil sucht, und sei es aus Solidarität, bleibt auf der Strecke. Ein ständiges Kräftemessen, das Freundschaften fast unmöglich macht. „Die Feinde von morgen“, resümiert Kapo schließlich, „sind immer die Freunde von gestern.“ Sebastian Handke

12. 2., 22.30 Uhr (Cinestar 8), 13. 2., 20 Uhr (Colosseum), 14. 2., 12.30 Uhr (Cubix 7), 16. 2., 16.30 Uhr (Delphi)



PANORAMA

Ladyboy sucht Arbeit: „The Amazing Truth About Queen Raquela

Träume sind über Kritik erhaben. Wenn der philippinische Transsexuelle Raquela davon träumt, in Paris auf den Strich zu gehen, dann lässt sich nichts dagegen sagen. Aber Raquela will unbedingt, dass sein Traum Realität wird. Er nutzt alle Möglichkeiten des Internets, um ausländische Gönner zu finden. Von Unabhängigkeit träumt er nicht, nur von Traumprinzen. Raquela ist ein so genannter Ladyboy. Dass er als Frau gut aussieht, verführt ihn dazu, ausschließlich Jobs in der Sexbranche zu suchen. Auf dem Arbeitsamt gilt er als unvermittelbar, denn seine Bildung hält sich in Grenzen. Auf die Frage, welche berühmten Männer er treffen möchte, nennt er den Dalai Lama, Adolf Hitler und Jack the Ripper. Manches, was er sagt, klingt erschreckend naiv, anderes wieder deutet auf Selbstironie. Über ihn hat der isländische Regisseur Olaf de Fleur den halbdokumentarischen Film „The Amazing Truth About Queen Raquela“ gedreht, der die Welt der Internet-Prostitution und des Webcam-Sex beleuchtet. An der Authentizität der Hauptfigur besteht kein Zweifel, deshalb tut der Film auch weh. Er wäre unerträglich ohne die Parallelhandlung um den Internet-Zuhälter Michael, der sich Raquelas annimmt. Michael spricht ganz offen über den Marktwert von Ladyboys und deren geringe Lebenserwartung in der Branche. Dass es Raquela zwischendurch nach Island verschlägt, wo sie sich in einer Fischfabrik verdingt, erscheint nicht zwingend, aber aus Island kam nun einmal das Geld für die Produktion. F. N.

Heute 20.15 Uhr (Cinestar), 13. 2., 17.45 Uhr (Cinestar), 16. 2., 20 Uhr (Cinemaxx)

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