Kultur : KURZ & KRITISCH

Carsten Niemann

KLASSIK

Nimm mir die Liebe,

gibt mir dein Glück!

Ob man Arnold Schönberg wirklich etwas Gutes tut, wenn man ihn grundsätzlich vor den großen romantischen Werken unserer Abonnementskonzerte spielen lässt? Gewiss laufen einem auf diese Weise die Zuhörer nicht fort. Doch ein radikales Schlüsselwerk der Moderne wie das fis-Moll-Streichquartett op. 10 wird niemals vollauf überzeugen, wenn der Zuhörer weiß, dass die zerborstene Welt mit der nachfolgenden Bruckner- Messe wieder gekittet wird. Die Streichorchesterfassung des Werks, die Marek Janowski und das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin in der Philharmonie präsentieren, wirkt unglücklich platziert: Erst nachdem Christine Schäfer am Ende des dritten Satzes ihr emotional ungeschütztes „Nimm mir die Liebe, gib mir dein Glück!“ in den Raum ruft, lassen sich die Musiker auf eine Intensität ein, die über kapellmeisterlich korrektes Musizieren hinausgeht.

Der Rundfunkchor Berlin, just mit einem Grammy ausgezeichnet, wirkt vom ersten schwebenden A-cappella-Einsatz von Bruckners e-Moll-Messe an umwerfend motiviert und präsent. Janowski aber gleitet das Angebot, das ihm der auf die kleinste Dirigentenbewegung achtende Chor macht, förmlich aus den Händen. Die dynamischen Kontraste, die er fordert, wirken zu undifferenziert, und an keiner Stelle können sich die begleitenden Bläser in klanglicher Ausstrahlung, Homogenität und bildlicher Anschaulichkeit mit den Sängern messen. Mit Schönberg wäre der Abend glücklicher ausgeklungen. Carsten Niemann

KUNST

Lebenslinien

und Vinylrillen

Die gezeichneten Oberflächen sind von eigentümlichem Glanz. Dicht übereinander setzt Eberhard Blum die Bleistiftlagen, bis das Papier mit Buchstaben und Zahlen, mit Dreiecks- oder Kreisformen angefüllt ist. Das Gros der in rund 30 Jahren entstandenen Kompositionen in der Villa Oppenheim ist flächig-reduziert. Ginge es um Arbeitsökonomie, könnte Blum die Flächen auch mit breitem Pinsel oder Farbroller anstreichen. Aber die Grafitlagen glänzen eben auf dem stumpfen Papier – ein wenig wie Vinylrillen. Die von Nostalgie umwehte Assoziation einer Schallplatte stellt sich also gleich doppelt ein, wenn man die breite schwarze Ringform betrachtet, die aus sieben gerahmten Blättern zusammengesetzt ist.

Eberhard Blum ist beidem zugetan: der Musik und der bildenden Kunst (Charlottenburg, Schloßstraße 55, bis 31. 3.). Als Flötist hat Blum (Jahrgang 1940) vor allem Werke der Neuen Musik aufgeführt. Die grafisch reizvollen Partituren von Morton Feldman haben seine bildkünstlerische Arbeit beeinflusst. Gemeinsam mit den „Sechs Zeichnungen“ von 1982 präsentiert er erstmals auch eine Konzeptskizze, die sich mit einer musikalischen Notation für eine spätere Aufführung vergleichen lässt. Die fertigen Großformate funktionieren als Sequenz – eine waagerechte, papierweiße Aussparung wird Blatt für Blatt ein Stück weiter nach oben versetzt. Dahinter steht die nicht besonders raffinierte Idee, eine aufsteigende Akkordfolge ins Bild zu transformieren. Jede Originalpartitur von Händel bis Lachenmann sieht aufregender aus. Auch anderswo bleibt man an Blums reizvollen Oberflächen haften, ohne dass die Beschaulichkeit von tieferen Gedanken gestört würde. Jens Hinrichsen

KLASSIK

Wir hatten

uns geahnt

Das Artemis-Quartett meidet an diesem Abend im Kammermusiksaal alle vordergründige Expressivität. Der Ton der ersten Geige ist zart und zerbrechlich, und er setzt sich in seiner Körperlosigkeit in den Unterstimmen fort. Es ist zunächst, am Beginn von Beethovens Quartett op. 18 Nr. 3, ein Klang ohne Eigenschaften, die Einzelstimmen klingen, als hätten sie sich noch nicht gefunden. Das Risiko, mit diesem fragilen Klangbild in die dichte Beethoven-Textur einzusteigen, ist hoch. Doch Primgeigerin Natalia Prishepenko gibt dem Ganzen bald entschieden eine Richtung.

Im Sommer 2007 haben sie und der Cellist Eckart Runge den zweiten Geiger Gregor Sigl und den Bratscher Friedemann Weigle neu in die Formation aufgenommen. Faszinierend, wie die Musiker sich im Laufe des Konzerts zwar nicht mit uniformem Klang, wohl aber mit radikal logisch abgestimmter Spielweise präsentieren. Noch in den hektisch um sich beißenden und den leichenstarren Klanggestalten von Schostakowitschs 9. Streichquartett treiben sie den musikalischen Ausdruck unbeirrt durchs Nadelöhr der korrekten technischen Umsetzung, und das tut ihm gut. Eigentlich, so wird es hier und im Rasumowsky-Quartett op. 59 Nr. 2 von Beethoven deutlich, haben sie sich hier nicht wiedergefunden, sondern nie verloren. Ein Selbstbeweis des Zusammenhalts für die neue Formation, ein Abenteuer für die Zuhörer, ein großer Abend. Matthias Nöther

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