Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

POP

Kirschtorte

mit Zuckerguss

Eine wahre Blumenpracht ziert das Kesselhaus zum Auftritt der Stars. Das übermäßig farbenfrohe Bühnenbild ist die perfekte Analogie zur Musik. Die will in ihrem schamlosen Eklektizismus diverser Achtziger-Reminiszenzen auch zu viel des Guten. So reicht es dem Sextett aus Montreal nicht, groovende, euphorisierend melodische Popsongs wie „Take me to the Riot“ oder dramatische Balladen wie „In our Bedroom after the War“ werkgetreu zu interpretieren. Nein, es wird eine bombastische Glasur aus Trompetenfanfaren und Keyboard- und Gitarrenschichten draufgekleistert. Wie Schwarzwälder Kirschtorte mit Zuckerguss und Sahnebaiser. Kaum auszuhalten, aber in den besten Momenten macht es sinnlos glücklich.

Zudem treffen die Stars eine haarfeine Linie zwischen Ironisierung und echtem Enthusiasmus, was sie über grobmotorische Retropop-Bands wie die Scissor Sisters erhebt. Sänger Torquil Campbell gibt mit großen Gesten und sonorem Bariton eine mitreißende Travestie einschlägiger Broadway-Klischees, während Amy Millan, deren schockierend geschmackloser Fummel Mut zur White- Trash-Ästhetik beweist, mit glasklarer Mädchenstimme und spöttischem Augenaufschlag dagegenhält. Für anderthalb Stunden ist die Wohlklangblase der Stars ein angenehmer Aufenthaltsort. Aber danach ist man fast froh, draußen wieder das schrille Quietschen der Hochbahn zu vernehmen. Jörg Wunder

THEATER

Kraftkerl

und Zärtling

Die „erwiesene Fähigkeit des Menschen für Größe des Herzens und des Geistes“ pries John Steinbeck in seiner Nobelpreisrede von 1962. Aber die Zuversicht verschloss dem US-Autor nicht die Sicht auf Härten des Daseins, wie er sie selbst als Wanderarbeiter durch Kalifornien erlebt hatte. Von Mäusen und Menschen (1937) lebt von der Reibung unerschütterlicher Gutherzigkeit mit der Realität eines ausweglosen Arbeitsalltags. Die in Freundschaft verbundenen Landarbeiter George und Lennie scheitern an ihrem fast ins Hymnische gesteigerten Lebenstraum von Unabhängigkeit und Lebensfülle. Es wird keine eigene Farm geben, nur Einsamkeit und Tod. Steinbeck hat die Erzählung selbst dramatisiert, die Neue Schaubühne München brachte diesen Text unter der Regie von Gil Mehmert jetzt wieder auf die Bühne, bis zum 9. März ist die Aufführung als Gastspiel im Theater am Kurfürstendamm zu sehen (bis 29.1., Di–Sa, 20 Uhr; So, 18 Uhr).

Mag die Geschichte des zupackenden George und des geistig zurückgebliebenen, auf Zärtlichkeit versessenen Lennie auch nicht frei sein von Gefühlsüberschwang, bei der Gestaltung der Helden durch Roman Knizka und Hannes Jaenicke erhält sie eine verzaubernde Wirkung. Jaenicke bringt den kindlichen Kraftkerl Lennie wie einen tapsigen Bären auf die Bühne, mit vom Körper weggestreckten Armen und einem Gesicht, in dem sich Staunen und Nichtverstehen spiegeln. Knizkas George lebt aus einer fiebrigen Unruhe, aus der steten Bereitschaft, den Freund vor Unheil zu bewahren. Das quirlig Lebendige pendelt der Schauspieler mit einer wie Schatten über die Figur fallenden Resignation aus – dieser George weiß um das böse Ende. Zwei glanzvolle Leistungen, die der sorgsam gearbeiteten Inszenierung das Gepräge geben.Christoph Funke

KLASSIK

Trauer

und Trost

„Transkription“ könnte der gemeinsame Nenner des Programms des Ensembles Oriol im Kammermusiksaal heißen, der ungewohnte Hörerlebnisse verspricht Die „Metamorphosen“ von Richard Strauss in Rudolf Leopolds Fassung für sieben Streicher stehen Schuberts d-Moll- Streichquartett D 810 gegenüber, dessen Einrichtung für Kammerorchester Gustav Mahler besorgte. Doch sind es nicht Finessen der Übertragungstechnik, die in möglicherweise überraschendem Klanggewand beide Werke miteinander verbinden. Sie eint vielmehr die aufbegehrende Abschiedsstimmung, Trauer über unwiederbringlich Verlorenes.

Strauss’ Abgesang auf zerstörte Kultur, die sich im Trauermarsch-Zitat aus Beethovens „Eroica“ enthüllt, verbleibt in Nachdenklichkeit, so behutsam agieren die Streicher unter der Führung der Geigerin Antje Weithaas. Auch innerhalb typisch Strauss’scher Klangschwelgereien verhaltener als üblich, wird die Depression keinen Moment vergessen. Am Gehalt vorbei musizieren die Oriols in Schuberts „Der Tod und das Mädchen“, denn die solistischen Anforderungen des Originals lassen sich orchestral nicht lösen. Reizvoller die Spannung zwischen Solovioline und Orchester in Frank Martins „Polyptype“, einem die Leidensgeschichte Jesu in Tongemälde fassenden Spätwerk, dem Weithaas jene Nuancen von Schmerzensausbruch bis zu Trostgebärde geben darf. Isabel Herzfeld

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