Kultur : KURZ & KRITISCH

Daniela Sannwald

PANORAMA

Bis aufs Blut:

„La Rabia“ aus Argentinien

Wolkenschlieren in Rosa und Orange stehen am hohen, blassblauen Himmel, darunter eine Graslandschaft von endloser Weite. Man hört Rascheln, Knarren, Zirpen, Tschilpen, Trillern, Klappern, das ganze Repertoire der Geräusche, das sich den Ohren eines naturerprobten Zuhörers in der Pampa am frühen Morgen bieten mag. Der milchige Himmel und die gerade aufgehende glühende Sonne verheißen Schlechtes – zum Beispiel für das kleine Mädchen, das sich durchs hohe Gras arbeitet und sich plötzlich auszieht. Die ersten Einstellungen dieses Films sind von verhaltener, aber beklemmender Trostlosigkeit. „La Rabia“ heißt Wut, und das ist die Regung, mit der Menschen über die Natur und ihresgleichen herfallen in dieser Geschichte um zwei benachbarte Bauernfamilien, die einander bis aufs Blut bekriegen. Ein paar Hühner, die angeblich der Hund des Nachbarjungen gerissen hat, sind der Anlass für eine Spirale der Gewalt. Die fantastischen Landschaftstotalen in „La Rabia“ eröffnen einen rechtsfreien Raum, in dem jeder auf sich allein gestellt ist. Vieles hört man, bevor man es sieht. Die Naturgeräusche werden durch künstliche überlagert: das Knattern eines Mofas, das Kreischen einer Motorsäge, Schüsse. Die Figuren folgen archaischen Trieben. Ob sie ein Schwein schlachten, ein Kind verprügeln oder sich paaren – alles geschieht mit der gleichen grimmigen Inbrunst, während das stumme Mädchen gellend schreit: ein hyperrealistischer Horrorfilm über das Landleben. Daniela Sannwald

Heute 17 Uhr (Cubix 9)



PANORAMA

Ohne Biss:

„Tote Schwule, lebende Lesben“

Haben Schwule eine geringere Lebenserwartung als Lesben? Der Titel von Rosa von Praunheims neuesten Film erweckt den Eindruck. Dabei ist in diesem Fall das Leben oder Nichtleben nur eine Frage des Geburtsjahrs. Die drei porträtierten Männer waren in der Nazizeit erwachsen und somit strafmündig. Die sechs Frauen sind erst nach Kriegsende zur Welt gekommen. Eine willkürliche Zusammenstellung also, die Praunheim da vorgenommen hat. Ebensogut könnte man über Konrad Adenauer und Verona Feldbusch einen Film mit dem Titel „Toter Hetero, lebende Hetera“ drehen. Die drei Männerportäts belegen immerhin die privilegierte Stellung von Künstlern unter Hitler: Während Schwule zu Tausenden in Konzentrationslagern umkamen, trat der Chansonnier Joe Luga im Fummel an der Ostfront auf.

Eine Verbindung zur Gegenwart wird durch Laura und Silke Radosh hergestellt, die sich in der Gedenkstätte des Frauen-KZ Ravensbrück kennen gelernt und inzwischen geheiratet haben. Auffallend viele lesbische Frauen scheinen sich an diesem Ort ehrenamtlich zu betätigen und Zeitzeuginnen zu betreuen. Das bedarf einer Erklärung, aber Vertiefung ist nicht Praunheims Stärke. Eine Frage der Zeit ist das nicht – die nimmt er sich, allerdings mehr für Banalitäten. Immerhin ist das Porträt der DJane Ipek Ipekçioglu ein wertvoller Beitrag zu den gegenwärtigen Diskussionen um Islam und Integrationsfähigkeit. Denn Ipek geht es beim Musik-Auflegen darum, einander fremde und verfeindete Kulturen zu vereinigen. Statt sich über ihr Lesbischsein zu definieren, sieht sie ihren Lebensinhalt in der Musik und deren politischen Botschaften.

Die Möglichkeit zur Provokation – Rosa von Praunheims eigentliche Stärke – wird völlig verschenkt. Dabei ist gleich das erste Porträt einer begnadeten Provokateurin gewidmet: Manuela Kay, die Journalistin und Chef-Redakteurin des Lesbenmagazins L-Mag, hat 1994 den ersten authentischen – das heißt: nicht an heterosexuelle Männer gerichteten – Lesbenporno gedreht und damit gegen ein unausgesprochenes Abbildungsverbot verstoßen. Die Anfeindungen, denen sie sich gegenüber sah, werden nur flüchtig erwähnt.

Dafür wird Anne Will in gleich zwei Beiträgen attackiert und ihr angeblich zu spätes Outing als Verrat an der Community gewertet. Das Recht, sich in der Öffentlichkeit über ihren Beruf zu definieren, wird ihr nicht zugestanden. Unfreiwillig macht Praunheims Film deutlich, mit welchen Scheinproblemen sich Schwule und Lesben in Deutschland herumplagen. Frank Noack

Heute 17 Uhr (Cinestar 7), 16. 2., 14.30 Uhr (Cinestar 7), 17. 2., 15.30 Uhr (Colosseum 1)

FORUM

Gegen das Dorf:

„Paruthiveeran“ aus Indien

So sieht kein romantischer Held aus: Paruthiveeran (Karthi) ist ein verantwortungsloser Herumtreiber, der sich nimmt, was ihm gefällt und das Dorf in Angst und Schrecken versetzt. Sein einziges Ziel: ein Verbrechen begehen, dass so schwer ist, dass er auf Seite eins der Zeitung erscheint. Und doch ist das trotzige Dorfmädchen Muththazhagu (Priyamani) dem Gesetzlosen in Liebe ergeben: Als sie noch Kinder waren, hat er ihr das Leben gerettet. Jetzt setzt sie alles daran, ihn zum Mann zu gewinnen. Gegen seinen Willen. Und gegen den Willen der verfeindeten Familien.

„Paruthiveeran“ ist ein Film aus der entlegenen südindischen Provinz Ramnad, hergestellt mit einfachsten Mitteln. Doch schon die rasante Eröffnungssequenz, in der es auf einem Dorffest zu einer Messerstecherei kommt, lässt keinen Zweifel daran: Regisseur Ameer Sulthan beherrscht seine Mittel. Er bedient sich dabei zwar der Ästhetik des indischen Kinos: Der Film hat etliche Nebenstränge, ist knapp zweieinhalb Stunden lang, verbindet Komödie mit Tragik und arbeitet mit viel Tanz und Musik. Dennoch ist „Paruthiveeran“ ganz anders als das Unterhaltungskino aus Mumbai: ein wilder Film über zwei leidenschaftliche Einzelgänger, die an den feudalen Traditionen ihres Dorfes zerschellen. Sebastian Handke

Heute 12 Uhr (Arsenal 1), 16. 2., 20 Uhr (Cubix 9), 17. 2., 15 Uhr (Cinestar 8)

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