Kultur : KURZ & KRITISCH

Volker Hagedorn

KLASSIK

Viel Ruhe,

viel Sturm

Höchstens vierzig Musiker saßen in Beethovens Orchester. Das ist für Simon Rattle natürlich kein Grund, die Hälfte der Berliner Philharmoniker zu beurlauben. Er versucht, auch die Wucht von sechs Kontrabässen auf jenen Punkt zu bringen, an dem Beethovens Achte geistreich und nicht bloß humorig klingt. Im zweiten Konzert des Zyklus in der Philharmonie gelang das nicht gleich. Rattle war da am besten, wo Beethoven sich selbst am nächsten ist. Denn erst im Finale kommt zum Spiel mit der Tradition etwas gefährlich Eigenes, wird aus Scherzen ein Zähnefletschen. Die dreieinhalb Takte etwa, waren hier radikaler als in Rattles Aufnahme mit den Wienern, und wienerischer war der Satz insofern, als man hier sogar den sarkastischen Biss von Autoren wie Kraus, Doderer, Jandl voraushören konnte. Tatsächlich kam Karl Kraus zu Wort, als Lyriker in den Tönen Anton Weberns. Dessen „Vier Lieder“ (1914-18) sind Wunderwerke der Klarheit. Die junge Sopranistin Anna Prohaska sang nicht einfach, sie sprach und abstrahierte, sie dachte unhörbare Linien mit, modellierte Form und Farbe mit Klugheit.

Da Rattle die Lieder, ihrer Kürze und Unvertrautheit wegen, gleich zweimal dirigierte, wechselte Prohaska von einer abstrahierenden zu einer bühnenhaften Haltung, empathischer. Wobei sich erwies, dass bei Webern ein Wort wie „Sehnsucht“ doch mehr brennt, wenn es auf Distanz gehalten wird. Neben diesen Liedern wirkte Weberns zweisätzige Symphonie op. 21 dogmatisch komponiert und hölzern gespielt, und beim nächsten Beethoven vermisste man die Farbfeinheiten, die gerade die „Pastorale“ fordert. Denn hier erkundet der Komponist die Statik des Klanges, die Stille der Bilder. Indessen gingen die C-Dur-Rufe der Bläser im ersten Satz im Streicherapparat unter, und der Dramatiker Rattle kam erst im „Sturm“ ganz zu sich – das aber grandios. Das war kein ländliches Unwetter, da ließ ein Prospero die Wogen um seine Insel krachen. Und wenn sich Rattle wirklich für etwas interessiert, wird er nicht nur präsenter, sondern auch präziser. Der andere, gleichsam passive Beethoven, meditativ in der Sechsten und verspielt in der Achten, der liegt ihm nicht. Volker Hagedorn

ROCK

Viel Tricks,

wenig Seele

Das Publikum in der Kulturbrauerei wirkt wie eine lebende Illustration zum Buch „Bye Bye Lübben City“, der Dokumentation über junge DDR-Dissidenten, die sich „Blueser“, „Kunden“, „Tramper“ nannten. Mit langen Haaren, Fusselbärten, Jesuslatschen und komischen Mützen. Nur dass sie heute nicht mehr jung sind. Man fragt sich, was sie mit Mitch Ryder verbindet? Der mit seinen Detroit Wheels in den 60er Jahren eine große Nummer war. Mit Hut und steifem Kreuz wirkt er heute wie ein Gebrauchtwarenhändler. Er singt „Moondog House“ vom neuen Album „You Deserve My Art“ mit brüchiger Schotterstimme. Er stellt die Band vor: „My band Inga Ling.“ Inga Ling? Nein, die Band heißt Engerling, DDR-Blueser. Und sie rocken, was das Zeug hält, Mitch und Engerling.

Der erste Hit von 1969: „Jenny Take A Ride“ klingt immer noch gut. Aber die Gitarristen sind anstrengend. Sie lassen die Gitarren Wiehern und Jodeln, endlos, einfallslos, und immer wieder dasselbe Genudel und Gedudel. Viel Tricks und wenig Seele. Schade, dass die Band nicht swingt. Der fast 63-jährige Mitch Ryder swingt dafür umso mehr. Und wenn er Soulballaden in Sechsachtel singt, die an den großen Otis Redding erinnern, hält man den Atem an. Da kann einen am Ende auch die hässlich zergniedelt verrumpelte Version von „Gimme Shelter“ nicht mehr erschüttern. H.P. Daniels

OPER

Viel Leid,

keine Erlösung

Wagners „Parsifal“ ist derart mit uralten Mythen und Ritualen aufgeladen, dass die Oper für manchen Zuschauer unverdaulich ist. Insofern ist es interessant, wenn die Neuköllner Oper ein Team junger Musiktheatermacher von der „Hanns Eisler“ und der UdK um die Regisseurin Miriam Salevic einlädt, um zu zeigen, was das Bühnenweihfestspiel für ihre Arbeit und Auffassung von Kunst heute noch bedeutet. In Mitleid stellen sie sich die Frage, welchen Sinn das für Wagner so zentrale Motiv des christlichen Mitleidens hat, wenn es nichts mehr gibt, wovon man erlöst werden könnte. Aber die szenische Umsetzung des 75 Minuten langen Abends befriedigt nur dann, wenn man in ihr die Repräsentation einer großen Sinnleere sieht (wieder am 16., 20., 22. und 27. 2.). Die vier Darsteller rennen hysterisch von einem Ende des Studios zum anderen, beschmeißen sich – man war in der Volksbühne – mit Reliquien und ja, sie singen auch.

Da zeigen Martin Gerke als Amfortas, Herdis Anna Jonasdottir als Blumenmädchen und Ulrike Schwab als Kundry, was sie können. Ansonsten spielen sie sich die Seele aus dem Leib und laufen doch ins Leere, weil sie die Bühnenpräsenz verpassen, die Roman Lemberg mit seinem nach innen gekehrten, fast autistischen Parsifal gelingt. Trotzdem fügt sich nichts zusammen, der Abend ist ein Steinbruch an Ideen, und von Wagners „Parsifal“ bleibt nicht mehr zurück als ein ausgeweidetes Tier. Udo Badelt

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