Kultur : KURZ & KRITISCH

Volker Hagedorn

KLASSIK

Breite

Reifen

Selbst heutige Komponisten wirken oft noch verklemmt, wenn sie Jazzklänge ins Orchester einbauen und das triviale Idiom zitieren, anstatt in ihm zu denken. Das gelang schon 1954 Bernd Alois Zimmermann, als er „Nobody knows de trouble I see“ schrieb und in dieser Spiritualvertonung Sprachen und Schichten verschmolz. Kongenial folgte ihm darin jetzt das Rundfunk-Sinfonieorchester im Konzerthaus. Marek Janowski dirigierte das Stück gleichsam aus seiner Mitte heraus, swingend, glühend und analytisch in einem; selten hat es sich so organisch entfaltet.

Als der exzellente Solotrompeter Hakan Hardenberger anschließend intim und weltvergessen über „My funny Valentine“ meditierte, wirkte das nicht wie eine Zugabe, sondern wie ein Ausläufer der Zimmermann’schen Partitur. Während sie zum Klassiker zu werden beginnt, ist Alban Bergs 30 Jahre älterer „Wozzeck“ längst in Gefahr, auf seine fast cineastisch konsumierbaren Qualitäten reduziert zu werden. Die „Drei Bruchstücke“ aus dieser Oper (mit der dramatisch kraftvollen Mezzosopranistin Petra Lang) klangen hier, perfekt vorbereitet, doch mehr nach „Best of“ als nach Abgrund. Schwieriger noch wird es mit einem Werk, das praktisch nur aus berühmten Stellen besteht – Beethovens Fünfter. Durch ihre Ecksätze steuerte Janowski sein Orchester wie einen Humvee mit getönten Scheiben. Rasant, kompakt und undurchsichtig. Das wummerte, glänzte und hinterließ breite Reifenspuren in der Partitur. Nur im Andante durfte man mal aussteigen und die Gegend bewundern. Und in solchen Momenten war die Fünfte wie neu. Volker Hagedorn

POP

Präzise

Schnitte

Eine muntere Lärm-Session in der Akademie der Künste: Inszeniert vom Schweizer Schlagwerker Michael Wertmüller, der zuletzt mit dem Free-Jazz-Sax-Titanen Peter Brötzmann zu hören war. Für den zweiten Teil der „Noch “-Konzerte hat er das Kölner Elektro-Duo Mouse on Mars eingeladen. Mit dabei: der Neue-Musik-Pianist Ernst Surberg und der E-Bassist Marino Piaklas.

Hier kommt einiges zusammen, wenn die fünf Musiker mit symphonischem Gestaltungswillen Klangbilder auftürmen. Eine irre Synthese aus Chaos und Präzision, Wechselbad und Gleichzeitigkeit, harten Schnitten und ausgedehnten Entwicklungen, treibend und theatralisch. Die individuellen Prozesse verdichten sich zu einer Suite aus Neuer Musik, Free-Jazz, Speed-Metal und Frickel-Elektronik, die Stile verzahnt, als wär’s eine Partitur von Charles Ives. Am besten funktioniert es, wenn der Werkcharakter zerbröselt und die Musiker den Gesamtsound mit Stakkato-Attacken in das Zischen klaustrophobischer Zustände treiben. Niemand wundert sich, dass der Komponist mit seinem Trommelwerk einmal vor einer Rede von Gerhard Schröder aufgetreten ist, bevor dieser am nächsten Tag die Vertrauensfrage stellte. Volker Lüke

0 Kommentare

Neuester Kommentar