Kultur : KURZ & KRITISCH

Eva Kalwa

KABARETT

Toccata

rückwärts

Die Gießkanne ist groß und grün; lustvoll und laut bläst Hilda darauf das Signal zum Essen: So hat es Mutti auch immer gemacht. Zwillingsschwester Hulda, gefühlte zehn vernunftvolle Erwachsenenjahre älter, rauft sich das blonde Vogelnest ihrer Haare: „Diese Hilda!“ Ja doch, diese Hilda. Die knuffige Person mit dem liebenswert-einfältigen Blick gibt ein Erdöl-Konzert auf zwei Geigen („Oh, du lieber Augustin“), erzeugt mit einem Löffel im Gurkenglas Flamenco-Rhythmen und auf dem Xylophon ein Rossini-Klangfeuerwerk. Hulda mimt zwar die Abgeklärte, ist aber nicht weniger musikalisch: Ihren Brahms spielt sie am Flügel mit nur zwei Fingern, die Toccata am E-Piano gar mit dem Rücken zum Instrument. Und wenn sie einen knarrenden Extra-Sound braucht, steigt sie während des Klavierspielens eine quietschende Trittleiter hoch und runter.

Seit 25 Jahren steht diese Wilde Mischung, dargeboten von Brigitta Altermann (Hulda) und Lilly Walden (Hilda) auf deutschen Bühnen. Im Jahr 1989 erhielten Pianistin Altermann und Schauspielerin Walden den Deutschen Kleinkunstpreis, ihr diesjähriges Jubiläum feiern sie mit der Rhapsodie in Blond. Darin bewegen sich die „wilden Schwestern“ auf dem schmalen Grat zwischen fantasievoller Musikclownerie und ernsthaftem musikalischen Anspruch, was nahezu immer gelingt – die vielen Applausstriche auf Hildas Schreibtafel zeugen davon. Ab Donnerstag geht der geschwisterliche Wettstreit um die Gunst des Publikums im Café Theater Schalotte in der Behaimstraße 22 weiter (bis 23.2.). Eva Kalwa

KLASSIK

Die Windflower

hat mir ein Lied erzählt

London ist eine Musikstadt. Auf festländische Komponisten und Interpreten hat sie seit jeher starke Anziehung ausgeübt. Weltmusik – Händels Oratorien oder Haydns Londoner Symphonien – verdankt sich dieser Stadt. Seit Sir Simon Rattle Chef der Philharmoniker ist, gewinnt auch die englische Musik in Berlin an Boden. Nun setzt sich auch das Deutsche Symphonie-Orchester für zwei Werke ein, die in London ihre Uraufführungen erlebten: 1885 Antonin Dvoráks siebente Sinfonie, 1910 Edward Elgars Violinkonzert.

Elgar hat in dem Stück formuliert, was ihm die Anemone („Windflower“) zuflüstert, nationale Romantik mit aparten frühen Klangfeldern. 50 Minuten lang will die Musik, im Repertoire eine Fremde, sich nicht erschöpfen. Inselmusik, von der Solistin Tasmin Little in der Philharmonie mit lieblich weichzeichnendem Ton gespielt. Das DSO kann sich ein solches Raritätenprogramm leisten, weil in Leonard Slatkin ein magischer Vermittler des Unbekannten vor den Musikern steht. Die Gestik dieses Dirigenten ist Aufforderung zum Klang, den er bis in die leisesten Schlüsse behütet. Er vermittelt, dass die düstere d-Moll-Symphonie auch ein Naturlächeln und lichte Seiten enthält. Leonard Slatkins Zeichengebung ist von der Art, die ganze Partitur quasi vorzulesen, nicht nur Tempi und Linien, sondern auch Stimmungen und Emotionen. Man kann sich sogar vorstellen, Slatkins Dirigat bei gegebenenfalls ausgeschaltetem Ton noch mit Gewinn zu beobachten. Denn in den Bildern seiner Körpersprache lässt sich viel von dem erfahren, was die Musik erzählt.Sybill Mahlke

POP

Trompete

vorwärts

Schon die Verteilung der Instrumente verrät, dass im Postbahnhof keine Standard-Popband antritt: Gitarre, Bass und Schlagzeug halten sich brav im Hintergrund, Orgel und Gesang kleben am rechten Bühnenrand, während der Platz im Rampenlicht der fünfköpfigen Bläsersektion von Tower Of Power vorbehalten bleibt. Trompete, Posaune, zwei Tenorsaxofone und das unglaubliche Ochsenfrosch-Baritonsax von Stephen „The Funky Doctor“ Kupka tröten mit erderschütternder Urgewalt und lässiger Präzision durch ein nostalgisches Programm schweißtreibender Funkfeger und himmelstürmender Soulballaden. In ihrem Line-Up präsentieren sich Tower Of Power als Durcheinander aus Alt und Jung: Neben Kupka sind noch Bandleader Emilio Castillo und Bassmann Francis Prestia von der 1968 in Oakland gegründeten Urbesetzung dabei. Die später Hinzugekommenen verstecken sich keineswegs hinter den alten Haudegen. Adolfo Acosta am Tenorsax und Trompeter „Iron Mike“ Bogart wetteifern um das abgedrehteste Solo, Roger Smith lässt schwere Akkordkaskaden aus seiner Hammond B-3 rollen und Marc Harper gibt für Sekunden den Ersatz-Hendrix an der Stratocaster.

Tower Of Power galten stets als eine der kompetentesten Funkbands, hatten jedoch kaum eigene Hits und standen als viel beschäftigte Backgroundformation im Schatten von Stars wie Earth, Wind & Fire. Vielleicht wäre es anders gekommen, wenn sie schon damals einen charismatischen Sänger wie Larry Braggs gehabt hätten. Der gibt im James-Brown-Modus den begeisternden Einpeitscher, kann sich aber auch mit allem Pathos in eine tränenziehende Schnulze wie „You’re still a young Man“ hineinsteigern. So werden die 90 Minuten zum verdienten Triumph. Falls Amy Winehouse für ihre nächste Platte neue Mitstreiter sucht, sollte sie sich Tower Of Power unbedingt anhören. Jörg Wunder

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben