Kultur : KURZ & KRITISCH

Matthias Nöther

KLASSIK

Komm’ meiner Urne

nicht zu nahe!

„Stornello“ – „Der Flatterhafte“ heißt ein Lied Giuseppe Verdis aus dem Jahr 1869. Ein Mädchen liebt einen Jüngling, der hat sich eine andere gewählt. Man kennt das, in Variation, aus Schumanns „Dichterliebe“. Die sarkastischen Synkopen im Klavier sorgen dafür, dass es auch tatsächlich nach Schumann klingt. Die junge Sopranistin Anna Fleischer singt den „Stornello“ dann auch wenig opernhaft, mit vollendetem Stilgefühl für die flüchtige Miniatur.

Aber es kommt bei diesem Verdi-Liederabend im Foyer der Deutschen Oper auch noch anders. Zunächst gibt es da das frühe Lied „L’esule“ („Der Verbannte“), dessen Text zwar mit bleichem Mond und Abendwind ebenfalls tief in die romantische Liedkiste zu greifen scheint, in dessen Musik man aber wiederum die großen theatralischen Seelenporträts des reiferen Verdi vorausahnt: Rezitativ, Arie, feurige Caballetta, alles drin. Und noch einmal etwas ganz anderes: Nachdem seine ganze junge Familie gestorben war, erkämpfte sich Verdi die künstlerische Bewältigung der Katastrophe zunächst nicht in der Oper, sondern in sechs Romanzen. „Komm meiner Urne nicht zu nahe“, singt die Sarah Ferede düster, mit erstaunlicher Natürlichkeit und Tiefe des Ausdrucks. Julia Benzinger beeindruckt mit einer bereits metallisch gestählten Dramatik ihres Soprans, der strahlende Tenor Yosep Kangs durch kultiviertes Legato. Ein schöner Start für die Verdi-Wochen an der Bismarckstraße. Matthias Nöther

THEATER

Todessehnsucht

eines Mörders

Zweckfrei und erschreckend ist dieses Leben, wie ein Strahl gebündelten Lichts von versengender, zerstörender Kraft. Bernard-Marie Koltès hat es in seinem letzten Stück Roberto Zucco in Szenen gefasst. Der Dramatiker folgte dabei dem Schicksal eines Massenmörders, der sich 1988 im Gefängnis das Leben genommen hatte – ein Jahr später starb Koltès, erst 41 Jahre alt, an den Folgen von Aids. Er war fasziniert von der Fremdheit, der seltsamen Schönheit des jungen Mannes, der wie von anderswo herkommt, unkundig der Bedingungen menschlichen Zusammenlebens, erfüllt von Todesbereitschaft. So wächst die Geschichte eines Mörders ins Sehnsuchtsvoll-Romantische, ins Mythische hinüber, Zucco wird zu einem Menschen, der „den außerordentlichen Weg eines antiken Helden“ geht. Peter Stein brachte das Stück 1990 in der Schaubühne heraus, auf einer raumgreifenden Panoramabühne, mit Max Tidof in der Titelrolle. Jetzt, in der box+bar des Deutschen Theaters, ist Kargheit angesagt, nichts als der nackte Boden der Bühne mit ein paar filigranen Stützen zwischen dem Dreieck der Zuschauerreihen. Regisseur Jakob Fiedler kann und will nicht mehr als eine Skizze spielen. Nur als flüchtiger Entwurf kommen die Figuren auf die Bühne, keine Szene drängt nach außen. Wie das Stück in eine entgrenzte Welt ohne die Last bestimmter Zeit und gesetzter Räume hineinwächst, verweigert die Aufführung jede Anschaulichkeit. Die Spieler übernehmen, bis auf Niklas Kohrt in der Titelrolle, mehrere Figuren, entwerfen durch Kostümveränderungen auf offener Szene Charaktere, die absichtsvoll unausgefüllt, vorläufig bleiben. Kohrt zeigt den Mörder ebenfalls in dieser nachdenklich- grüblerischen Haltung, aus der das Laute verzweifelter Leidenschaft herausgepresst wird – die Dämonie und die Unschuld, die mythische Unwiderstehlichkeit des schönen, verirrten, verwirrten Bösen bleibt er schuldig (wieder am 25. Februar). Christoph Funke

ROCK

Ein Mann

geht seinen Weg

Charles Kittridge Thompson IV ist kein Mann, der sich auf seinen Lorbeeren ausruht. Unter dem nom de guerre Black Francis war er Bandleader und Songschreiber der Pixies, und von diesem Ruhm hätte er nach dem unfriedlichen Ende der Indierock-Ikonen wohl bis ins Rentenalter zehren können. Stattdessen hat er als Frank Black die Erwartungen der alten Fans ins Leere laufen lassen. So haben sich im Postbahnhof vielleicht 300 Aufrechte versammelt, um den jetzt wieder als Black Francis auftretenden Dickschädel zu sehen – beim Konzert-Comeback der Pixies waren es locker dreißigmal so viele. Francis, der sich eine beachtliche Feistigkeit angefuttert hat, moderiert den Abend launisch als Hommage an den verstorbenen niederländischen Rockstar Herman Brood. Aber das ist eher nebensächlich. Denn es macht keinen Unterschied, ob er Songs vom dazugehörigen Konzeptalbum „Blue Finger“ oder von einem der vielen anderen seiner 15-jährigen Solokarriere spielt: Stets erklingt äußerst schmuckloser Garagenrock, den er mit zwei soliden Begleitern an Bass und Schlagzeug grobschlächtig zusammendrischt. Manchmal blitzt die alte Magie auf, wenn er mit verächtlicher Miene auf seiner Telecaster zerklüftete Stakkatoriffs schrubbt oder in dieses unverwechselbare, asthmatische Kreischen verfällt, das einem immer noch die Nackenhaare aufstellt. Nach 75 Minuten ein recht uncharmanter Abgang, keine Zugabe: Dürfte wieder ein paar Fans gekostet haben. Ein Mann geht seinen Weg. Jörg Wunder

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