Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

NEW WAVE

Ernie und

der Waldkauz

Modisch hat sich was getan bei David Thomas: Der Sänger von Pere Ubu trägt im Quasimodo schwarzen Trenchcoat und Lederhut anstelle der Metzgerschürze, die ihm Serienmörder-Charme verlieh. So sieht er aus wie der späte Orson Welles, wenn er seine Leibesfülle ans Mikro schiebt und mit dieser einzigartigen Stimme singt: eine irre Mischung aus Waldkäuzchen, Straßenköter und Ernie aus der Sesamstraße. Derweil entlockt Robert Wheeler seinem Theremin erratisches Weltraumgefiepe, während Keith Moliné Gitarrenakkorde zu scharfkantigen Notenklumpen zerhäckselt. Pere Ubu existieren seit über 30 Jahren, aber selbst ihre ältesten Songs klingen, als hätte sie eine hippe New Yorker Band gerade eben ausgetüftelt. Dass sie mit ihren avantgardistischen New-Wave-Mutationen kommerziell keinen Blumentopf gewinnen konnten, hat das verbliebene Gründungsmitglied David Thomas nicht unberührt gelassen. In seinen sarkastischen Ansagen schwingt Bitterkeit mit. Nach eindreiviertel Stunden ohne jeglichen Intensitätsverlust setzt er sich, tropfend wie ein Kieslaster, an den Bühnenrand, um T-Shirts und CDs unters Volk zu bringen. Großer Mann, herausragendes Konzert! Jörg Wunder

 

KUNST

Der Sprengmeister

und
die Schaufensterscheibe

Seit einem Jahr macht die Projektgalerie Kurt-Kurt in Moabit von sich reden. Die Künstler, die dort je zwei Monate wirken, treten mit ihren Aktionen hinaus in den Stadtraum, ran an die Menschen. Michael Sailstorfer (bis 1. März, Do-Sa 16-19 Uhr, Lübecker Straße 13), ein Schüler von Tobias Rehberger, wollte nun eigentlich eine Schaufensterscheibe im TucholskyGeburtshaus durch Schall zum Springen zu bringen. War dann aber doch zu gefährlich. Stattdessen umstellte er in seinem Atelier eine in einen Holzkasten eingelassene Fensterscheibe mit vier Subwoofern und ließ einen dumpfen Sinuston anschwellen. Nach erfolgreicher Sprengung kam Ateliernachbar Thomas Rentmeister hereingestürmt: „Ein Erdbeben!“ Die Erschütterung hatte die Gläser aus seinem Regal springen lassen.

Bei Kurt-Kurt ist nun der Kasten zu sehen, mit neuer Scheibe; drinnen läuft ein Video der Aktion. Das Bild ist körnig, wie von einer Überwachungskamera. Die Perspektive von schräg oben unterstützt den Eindruck, es handele sich um einen zufällig festgehaltenen Unfall. Michael Sailstorfer, dem die Frankfurter Schirn ab Mai eine Einzelausstellung widmet, erweitert in seinen Arbeiten den Skulpturbegriff um eigentlich unsichtbare Elemente wie Licht, Geruch und Schall. Und nicht selten arbeiten seine Objekte mit blindem Eifer, geradezu autistisch. Sie geben ihr Geheimnis nicht preis. Kolja Reichert

DISKUSSION

Zumwinkel und

die oberen Zehntausend

„Wenn es Hunde wären, ich würde den Tierschutzverein anrufen.“ Eine ältere Dame ist wütend, auf der Leinwand im Festsaal Kreuzberg läuft ein Ausschnitt aus dem Film „Von Anfang an Elite“. Die Journalistin Julia Friedrich zeigt darin, wie Zweijährigen die Begriffe des Marketings eingetrichtert werden. Der Filmausschnitt dient zur Einstimmung auf eine Diskussion über die deutsche Wirtschaftselite. Der traut man dank Klaus Zumwinkel gerade jede Schweinerei zu. Den Abend organisiert hat der Verlag Hoffmann und Campe, der Friedrichs Recherche Gestatten: Elite! Auf den Spuren der Mächtigen von morgen veröffentlicht hat (Tsp. vom 19.2.). Friedrichs liest eine Passage über die European Business School in Oestrich-Winkel, in der die „Entscheider von Morgen“ ausgebildet und Gebäude nach Walter Leisler-Kiep benannt werden, der mit dem CDU-Spendenskandal in Verbindung gebracht wird. „Diese Leute leben in einer Parallelwelt“, konstatiert Friedrichs. Neben ihr sitzt der gut gelaunte Bundestagsabgeordnete Johannes Kahrs. Er gehört dem rechten Flügel der SPD an und meint pragmatisch, dass die Fehler des Schulsystems korrigiert werden müssen, um die Abwanderung der Kinder wohlhabender Eltern in private Bildungseinrichtungen zu stoppen.

Differenzierend schaltet sich Elitenforscher Michael Hartmann ein. Er erinnert daran, dass es in Deutschland schon immer eine kleine Elite gab, die glaubte, die Regeln gälten nicht für sie. Neu sei allerdings, dass die verunsicherte Mittelschicht ihre Kinder auf elitäre Einrichtungen schicke, um sie dort fit für den Markt zu machen. Er bezweifle aber, dass das funktioniere: Elite könne man nicht lernen. Ist sie eine andere Spezies? Leider fehlte auf dem Podium ein Vertreter dieser fremden Art. Philipp Lichterbeck

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