Kultur : KURZ & KRITISCH

Daniela Sannwald

FILM

Der Feind

in meinem Club

Aufgepeppt von Sex und Kokain stolziert Bobby Green durch sein Reich: Es glimmert und glitzert; es hämmert und kreischt. Green schüttelt Hände und nimmt dargebrachte Grüße gnädig entgegen. Er ist der Herrscher einer riesigen Disco im Brooklyn der achtziger Jahre. In einer der nächsten Szenen von Helden der Nacht feiern Polizisten in Uniformen und ihre Frauen und Kinder in einem geschmückten Gemeindesaal. Die Milieus könnten unterschiedlicher nicht sein: hier selbstgemachte Salate, Bier und muntere Rechtschaffenheit, dort Champagnerkühler und Coolness. Zwischen diesen Welten muss sich Bobby Green, der dem kleinbürgerlichen Polizistenhaushalt entstammt, entscheiden. Denn ausgerechnet sein Vater und sein Bruder Joe fahnden in seinem Club nach einem russischen Dealer und verhaften einen von dessen Helfershelfern. Daraufhin verübt die Mafia ein Attentat auf Joe. Der Polizeichef bittet den entsetzten Bobby, seine Kontakte zu nutzen und der Polizei bei der Verhaftung des Dealers zu helfen. Ein bisschen erinnern die Figuren und die Story dieses Films an David Cronenbergs Meisterstück „Eastern Promises“, Sujet und Konflikte an Scorseses wuchtigen „Departed“. Interessant in diesem hoch moralischen Familiendrama von James Gray ist die Lichtdramaturgie, die den zerrissenen Helden langsam ins Helle führt, herausragend dessen nuancierte Darstellung durch Joaquin Phoenix (in zehn Berliner Kinos, OV im Cinestar SonyCenter). Daniela Sannwald

JAZZ

Blut, das durch

Adern strömt

Er ist da. Leise, tänzerisch. Das Gesamtkunstwerk Cecil Taylor nimmt die aufgeregte Begrüßung des Publikums mit Verbeugungen entgegen. Auf der Bühne des Kammermusiksaals der Philharmonie steht ein Flügel und das Schlagzeugset seines Musikerfreundes Tony Oxley. Taylor gibt sich offen, geradezu fröhlich. Die Rastalocken sind verschwunden, nur kurze Zöpfe an den Schläfen geblieben. Doch trotz der atemlosen Begeisterung und Vorfreude sind die Reihen im Kammermusiksaal nur spärlich besetzt.

Nach all den Jahren, in denen der fast achtzigjährige Künstler fiebernde Poesie in gläsernen Klangblöcken spiegelt, ist das Publikum für diese radikal freie und dunkel sinnliche Formensprache überschaubar geblieben. Er kommt mit einzelnen Blättern, beschrieben mit Kreisen und Linien. Die einzelnen, sich frei zusammensetzenden komponierten Passagen zeigen die unerbittliche Auseinandersetzung Taylors mit seiner Musik. Mit unglaublicher Schnelligkeit und scheinbarer Mühelosigkeit laufen die taylorschen Hände über die Tasten, ein Ballett der Finger. Einmal steht er auf und läuft um den Flügel herum, dabei eines seiner seltsam schönen Gedichte rezitierend. Sein unerhört freies Spiel ist wie ein System feiner blauer Adern, durch die das Blut strömt.Maxi Sickert

ROCK

Rumpeln

im Universum

Vollbart, Brille, Truckerkappe – Mark Everett ist gut getarnt, als er mit dem düsteren „Grace Kelly Blues“ das Konzert der Eels eröffnet. Hinter dem Bandnamen verbirgt sich Everett selbst. In der ausverkauften Volksbühne hat er mit Chet Lyster einen wandlungsfähigen Begleiter dabei, der zwischen Schlagzeug, Gitarre, Singender Säge, Pedal Steel Guitar und Klavier herumturnt, um die Soundlöcher in den aufreizend spröden Songs zu stopfen. Everetts schwermütige Lieder erinnern wie seine heisere, kratzige Stimme an Bruce Springsteen. Doch wo der die Befindlichkeit der amerikanischen Working Class auslotet, bohrt Everett in den Traumata seiner Familiengeschichte: Sein Vater, der als Physiker die Theorie der Paralleluniversen entwickelte, starb mit 51, seine Mutter ging am Lungenkrebs zugrunde, seine Schwester verübte Selbstmord. So wird der Auftritt zum autobiografischen Mosaik, aber nicht zum Trauerspiel. Everett ist diesseitig genug, um seine Rockstarexistenz durch das Zitieren von Fanpost zu persiflieren. Das unprätentiose Gerumpel – Lyster ist ein begnadeter Allrounder, aber gegen seine Trommelkünste wirkt Meg White wie eine Virtuosin – trägt die Stücke erstaunlich gut, auch wenn man bei Klassikern wie „Novocaine for the Soul“ den Studiosound vermisst.

Nach 90 Minuten endet das kehlenzuschnürende „P.S. You rock my World“ mit einem Vorschlag: „May be it’s time to live.“ In einem Paralleluniversum wäre Mark Everett vielleicht ein glücklicher Fortysomething mit intakter Familie – aber die Welt wäre um einen großartigen Musiker ärmer. Jörg Wunder

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